„Eheu!“ sagte er noch einmal. „Wie meinen Sie das, mein lieber Schwarz? Ich bin desolat“ — und sah dabei sehr vergnügt darein.
„Sie haben mir noch nicht dazu verholfen, das gnädige Fräulein singen zu hören.“
Der Rackower schlug sich vor die Stirn. „Beim Zeus! Nein — bei Apoll und allen Musen! Ich bin ganz desolat. Aber wissen Sie, mein lieber Schwarz, ein vorsichtiger Gastfreund spielt nicht all seine Atouts gleich aus. Wir hatten unsere liebe Helene natürlich auf dem Programm.“ Er sah wieder einmal um die Ecke nach der Nichte hin und nickte: „Nun, schöne Helene? Du wirst Tante Marie und uns doch die Freude machen, recht bald einmal zu uns zu kommen? Oder willst du, daß wir dich feierlich invitieren: Madame la Baronne et Monsieur le Baron Ernest usw.? Ist doch sonst nicht zwischen Rohlbeck und Rackow Sitte gewesen.“
Er hatte es langsam, in seinem zierlichen, leisen Hofton gesagt, und so gewann Helene etwas Zeit. Eine Galgenfrist, schien ihr. Zuerst hatte ihr ein kräftiges, trotziges Landmädel-Nein auf der Zunge gelegen. Dann hatte sie sagen wollen: ‚Ich komme schon, aber erst, wenn dieser Herr abgereist ist.‘ Nein, das ging ja nicht. Also: ‚Ich komme schon, aber ich singe nicht.‘ Nun sprach sie: „Ja, danke, Onkel Ernst ... gern!“ Wurde wieder einmal rot dabei und dachte: ‚Wartet nur! Stockheiser werd ich sein. Heiser, wie eure Primadonnen sein sollen, wenn sie nicht singen wollen.‘ Und wußte dabei doch: ‚Du wirst singen ...‘
Drittes Kapitel
Im Kreise Stellberg gab es kaum ein wirkliches Schloß. Helene Hackentin hatte nicht unrecht: sie waren ja alle arm wie die Kirchenmäuse, die Golziner, die Steckschen, die Brunowschen; gerade daß sie sich durchschlugen auf dem kargen Boden. Grucker hätte vielleicht bauen können, sprach wohl auch seit Jahrzehnten davon, war aber zu bequem und war ein zu guter Wirt. Fleißig und sparsam, wie sie fast alle, nur nicht so der Not gehorchend, mehr der Gewohnheit nach. Ein wirkliches Schloß gab es freilich, aber das war mehr Burg als Schloß: der riesige Kasten in Nugow, in dem der alte böhmische Graf wie ein halber Einsiedler hauste, Graf Delkowitz, Edler von Kastricz. Das war aber ein Fremder im Kreise, und die Ansässigen kamen selten in die uralte Johanniterburg, deren gewaltiger Turm wie ein Wahrzeichen vergangener Zeiten ins Land ragte.
Auch das Rackower Herrenhaus war kein Schloß. Immerhin war’s ein stattlicher Bau, langgestreckt, einstöckig, mit ein paar in das hohe Dach eingefügten Mansarden und einem neueren rückwärtigen Flügel, den Ernst Hackentin angebaut hatte, als er die hannöversche Erbtochter heimführte. Die Freiin von Lastrop sollte ja entsetzt gewesen sein, als sie mit ihren Eltern zum ersten Male nach Rackow gekommen war, um sich ihren zukünftigen Wohnsitz anzuschauen. Der Anbau war geradezu Bedingung gewesen; aber mit dem Ausbau waren Ernst Hackentin und Frau Marie, die Marquise, wie sie im Kreise mit gutmütigem Spott genannt wurde, eigentlich bis auf den heutigen Tag nicht fertig geworden.
Daß sie nicht niedergerissen und ganz neu gebaut, hatte oft Verwunderung erregt. Einmal, als der alte Lastrop das Zeitliche gesegnet, war’s auch nahe daran gewesen. Der berühmte Landesbaurat Schinkel war in seinem letzten Lebensjahr in Rackow zu Gaste, und Ernst Hackentin sagte bisweilen: „Ja, wenn unser großer Schinkel nicht darüber hinweggestorben wäre.“ Aber die Mittel hatten doch wohl nicht gereicht. Sie saßen ja in einer brillanten Assiette, die Rackower, hieß es; aber sie führten einen riesigen Train, reisten viel, gingen im Winter zu Hofe. Manchmal lachte man im Kreise: Isaak Böhm aus Frankfurt oder gar der kleine Jakob Friedländer aus Zielenzig sollten plötzlich neben anderen illustren Gästen in Rackow gesehen worden sein. Nun — augenblickliche Verlegenheiten kann schließlich jeder haben. Man weiß das ja. Es ging auch niemand etwas an, zumal die Rackower kinderlos waren. Und dann: ein so liebenswürdiges Haus, so liebenswürdige Wirte wie sie gab es auf zwanzig Meilen in der Runde nicht. Wennschon die „Marquise“ bisweilen sehr herablassend sein konnte. War da jüngst der Amtsrat Weese auf Neu-Bukerow nobilitiert worden, ein Mann, mit dem der ganze Adel des Kreises seit Menschengedenken als mit einem Standesgenossen verkehrt hatte. Was tut die Marquise, als sie zum ersten Male wieder mit ihm zusammenkommt? Sie reicht ihm die Hand zum Kuß: „Ich freue mich unsäglich, Herr von Weese, Sie nun endlich ganz als einen der Unseren begrüßen zu können.“ Du lieber Himmel, der alte Mann hatte nachher selber herzlich darüber gelacht. Böse sein konnte man der Marquise ja nicht. Sie war so herzensgut. Und Stil hatte sie doch auch in ihrer Art.
Gastfrei war das Rackower Haus wie kein anderes im ganzen Kreise, und auch die Art der Gastfreundschaft hatte Stil. Hannöverschen Stil — englischen Stil.
Ein paar junge Mädchen, ein paar junge Herren waren meist zu Gaste in Rackow; Hausherr und Hausfrau liebten die Jugend. Die Mädchen logierten im Anbau, die Herren oben in den Mansarden, wo jedes der kleinen Zimmer seinen originellen Namen hatte: da gab es ein „Pompeji“, so genannt nach der roten Tapete, ein „Handtuch“, weil das Zimmer sehr schmal und lang war, eine „Bärenhöhle“, weil hier jahrelang ein Leutnant von Baer während seines Sommerurlaubs gehaust hatte, und eine „Bleikammer“, sintemalen dieses Zimmer der lieben Sonne besonders ausgesetzt war. Unten im Anbau waren die Namen poetischer: es gab den „Pfau“, die „Nachtigall“ und das „Alpenröschen“; es gab sogar eine „Sehnsuchtskammer“, als das letzte Zimmer der Reihe.