In der Sehnsuchtskammer wohnte diesmal Helene Hackentin.

Am Tage nach dem Markt war Tante Marie nach Rohlbeck gekommen. Unangemeldet, auf ihrem Selbstkutschierer mit den Ponys. Hatte sich die liebe petite-nièce auf acht Tage ausgebeten: „Du kommst gleich mit mir, mignonne. Pack’ deine Siebensachen. Vergiß auch ein helles Fähnchen nicht. Vielleicht macht es sich, daß wir ein Tänzchen riskieren.“

Der alte Rittmeister hatte ein wenig geflucht. Mama barmte: „Du bist recht grausam, Marie, uns das Kind zu entführen. Denkst gar nicht an uns Alte!“ Aber die Marquise lachte: „Es ist nur um das Gewöhnen, liebe Elisabeth. Ihr sollt euch dran gewöhnen, daß Helene euch früher oder später, besser früher als später, ganz entführt wird. Seid keine Egoisten. Ihr habt ja Martha, Wilhelm ist jetzt auch da — und dann eure Enkel. Gönnt anderen auch etwas.“

„Das heißt —“ begann der Rittmeister brummig. Aber er kam nicht weiter. Bei der Rackowerin kam man nie weiter, wenn sie sich vorgenommen hatte, zu persuadieren. Zudem: es war ein Axiom, daß die jungen Mädchen sich in Rackow bewegen lernten, sich abschliffen, gleichsam einen Blick in die große Welt taten. Dem widerstrebten Eltern nur in den seltensten Fällen.

Die aber, die es zunächst anging, stand am unschlüssigsten. Immer war sie leidenschaftlich gern in Rackow gewesen. Nun stand sie und stand, steif und unbeholfen, und drehte an dem Schürzenzipfel wie ein Backfisch.

„Vielen Dank, liebe Tante ... aber ...“

Die Marquise lachte wieder. Ihr goldiges Lachen, das das häßliche Gamingesicht so seltsam verschönen konnte: „Aber ... aber! Aber ich habe nichts anzuziehen. Nicht wahr? Mignonne, du hast deine Jugend, hast deine blanken Augen. Mein Herz, was willst du noch mehr! En avant ... en avant ... in einer Viertelstunde muß dein Köfferchen gepackt sein.“

Noch einen Moment stand Helene. Dann flog sie plötzlich aus der Tür und die Treppe hinauf.

Frau Marie hatte sich in den großen Lehnstuhl mit den mächtigen Ohrenwangen gesetzt. Das zierliche Figürchen verschwand fast in dem Ungeheuer, die Krinoline mußte sie gewaltsam zusammendrücken, und dabei bauschte sie sich erst recht unförmlich auf. Es sah eigentlich komisch aus. Aber die kleine Persönlichkeit beherrschte doch das ganze Zimmer. Sie hielt auch hier Cercle und hatte für jeden eine liebenswürdige Bemerkung. Der Rittmeister bekam eine Anerkennung, wie artig seine Hunde seien; der alten Gnädigen sagte sie ein heiteres Wort, wie Mignonne hübscher würde von Tag zu Tag und daß sie ganz die Augen der Mama hätte. Martha, die ihr eine Limonade brachte, erhielt ein Lob für die vortreffliche Mischung, die Mamsell in Rackow nie erzielte, und Wilhelm mußte über die Fortschritte des Bahnprojekts berichten. Dabei wurde er immer Feuer und Flamme. Sein schönes Gesicht leuchtete auf, er zwirbelte den koketten Spitzbart mit den wohlgepflegten weißen Fingern — und immer hatte er die bestimmteste Zusage von Exzellenz Itzenplitz, die Konzession schon „in der Tasche“ ... gerade daß noch einige kleine Schwierigkeiten zu überwinden waren. Er stöhnte freilich auch immer: „Mein liebes Rohlbeck! Weib und Kind muß ich allein lassen ... aber was soll man tun?“ Ein klein bissel malitiös konnte die Marquise manchmal doch sein: „Nun, Wilhelm, Berlin ist auch ganz pläsierlich“, meinte sie und kicherte. Doch da sie Martha, die sie besonders gern hatte, nicht weh tun wollte, fügte sie gleich hinzu: „Leicht hast du’s allerdings nicht in Berlin, ich weiß das, Wilhelm. Es ist ja jetzt ein großes Wettrennen um die Bahnkonzessionen. Graf Redern erzählte uns davon. Aber es wird doch auch enorm verdient. Wie heißt doch der Mann, der die erste Geige spielt? Richtig: Stroußberg ... ein Jude ... natürlich. Der soll ja bei der Bahn oben in Preußen ein großes Vermögen machen. Wilhelm, Wilhelm ... ich seh dich schon als Millionär! Nun: à tous seigneurs, tous honneurs!“

Dann kam Helene herunter. Hinauf war sie gestürmt, ganz langsam schlich sie nun ins Zimmer, und es klang eigen kleinlaut, als sie sagte: „Ich bin fertig, Tante Marie.“