Etwas Unsicheres, Sprunghaftes lag auch jetzt noch in ihrem Wesen. Sie war in den beiden Tagen, die sie in Rackow war, ihrer selbst nicht froh geworden.

Und es war doch so schön hier. Der Oktober meinte es diesmal besonders gut. Wenn der Amtmann Schmidthals, der seit einem Menschenalter Rackow ziemlich oder ganz selbständig verwaltete, — Graf Grucker legte, sobald auf die Verwaltung seitens des alten „Mistikers“ die Rede kam, den Akzent immer auf die erste Silbe — wenn Schmidthals bei der Veranda vorüberkam und die graue Kappe von dem grauen Haar zog, schmunzelte er jedesmal: „So ahnen Herbst haben wir noch nie gehabbt.“

Die Rackower waren Spätaufsteher. Onkel Ernst erhob sich erst gegen zehn Uhr aus seinem Riesenbett, und Tante Marie wurde überhaupt erst gegen Mittag sichtbar. Bis zur Mittagsstunde blieben die Gäste sich selber überlassen. Doch auch sie kamen in Rackow bald ins selige Faulenzen hinein. Helene aber war von Hause aus an frühes Aufstehen gewöhnt, denn der alte Rittmeister verlangte ihre Gegenwart bei seiner Morgensuppe, die unweigerlich aus Brotschnittchen mit heißem Wasser aufgebrüht bestand.

So war sie auch hier schon gegen sieben Uhr am Frühstückstisch auf der Veranda.

Gestern hatte sie den Herrlichkeiten dieses Rackower Frühstückstisches ganz allein gegenübergesessen: der großen silbernen Kaffeemaschine, dem silbernen Brotröster, den vielen kalten Platten. Allein mit Höhne, dem Leibdiener Onkel Ernsts, der geräuschlos seines Amtes waltete, immer mit einer diskreten Gönnermiene, wie man sie armen Verwandten gegenüber hat.

Heut erschien, zu ihrer Überraschung, fast gleichzeitig mit ihr der Neuchateller: Leutnant de Merivaux von den Gardeschützen. In hohen Stiefeln, mit der Jagdjoppe; das frische Gesicht zartrosig, trotz des eben überstandenen Manövers, den kleinen Schnurrbart lustig aufgedreht. Lustig war das ganze Kerlchen. Kerlchen — pardon! — nein: der schlanke junge Herr. Aber lustig war er doch, mit seinen leuchtenden blauen Augen und dem gegen alle militärische Vorschrift kurz geschorenen schwarzen Haar, mit seinen raschen Bewegungen und dem leisen Radebrechen in der Sprache, von dem man nie recht wußte, war es echt, war es ein wenig gemacht.

„Bonjour, gnädiges Fräulein!“ rief er gleich und streckte ihr beide Hände entgegen. „Ein so schöner Morgen, ein wonniger Morgen. Wie kann man nur so lange liegen in den Federn, wenn die Sonne so wunderschön scheint und Fräulein von ’ackentin auf der Veranda sitzt. Oh, was sind das hier für faule Menschen.“

Dann saß er auch schon. „Mein lieber ’öhne, eine Tasse Mokka. Aber recht stark. So ... und recht viel Milch. Danke: Milch, keine Sahne. Mein gnädiges Fräulein, und Sie schmieren mir ein Brot. Ah ... hier bekommt man doch richtiges weißes Brot ... Semmel ... nicht immer pain bis. Ich kann nicht vertragen dies schwarze Brot. Ich hab so ein gar sehr schwachen Magen ... ein Magen wie ein schwächliches Kind.“ Wobei er sich eine Scheibe Schinken auf den Teller legte, die für zwei starke Männer ausgereicht hätte. „Grand merci, gnädiges Fräulein. Je vous en fais mes remerciments! Sie sind sehr gütig. Noch ein Ei, mon chèr ’öhne ... bitte sehr ...“

Man konnte ihm nicht böse sein. Eigentlich wäre sie lieber allein geblieben wie gestern, diese einzig ruhige Stunde in dem geräuschvollen Rackower Leben. Aber mit den Wölfen mußte man nun einmal heulen.

Er trank seinen Kaffee in ganz kleinen Schlückchen, zerpflückte sein geliebtes pain blanc, ließ seine blauen Augen leuchten, erzählte von Berlin und von seiner Kaserne, ganz draußen, weit draußen, fast bei Treptow, wo „sich die Fuchs sagen gut’ Nacht“. Und dann fragte er plötzlich: „Warum ’aben Sie gestern nicht wollen singen, gnädiges Fräulein! Wo wir doch alle so sehr gebeten ’aben.“