Sie war schon aufgestanden und nickte.
Langsam schritten sie die kleine Treppe hinunter.
Frau Marie war eine Gartenkünstlerin. Sie hatte eine Wüstenei vorgefunden und ein kleines Paradies geschaffen. Vor dem Hause lag ein großes Rosenparterre; gutgehaltene, kurzgeschorene, manneshohe Taxushecken schlossen es seitlich ab; breite Einschnitte, die gewölbten grünen Toren glichen, führten von hier in den eigentlichen Park, der sich weit hinzog und allmählich in Wiesen und Waldpartien überging. Nicht so ausgedehnt war das Ganze, wie der Park von Muskau, den der Graf Pückler angelegt hatte, aber einzelne Teile konnten an Schönheit doch mit dem Meisterwerk des alten Semilasso wetteifern.
Man war stolz im ganzen Kreise auf den Park von Rackow, und auch Helene war es. Sie führte Merivaux von einem Ausblick zum andern; an dem Borkenhäuschen vorüber, in dem im Hochsommer meist der Kaffee genommen wurde, zum schilfumstandenen Teich; von dort zur Höhe, von der man die schönste Aussicht auf das Dorf Rackow hatte und darüber hinweg zu dem Hügelzuge, an dem Rohlbeck lag.
„Da, sehen Sie, Herr von Merivaux. Da bin ich zu Hause ...“
Indem sie das sagte, fühlte sie: es war wirklich schön. Der Herbstzauber ruhte auf dem Landschaftsbilde; die Sonne malte ihre farbigen Reflexe; das Dörfchen unten mit dem hohen altersgrauen Kirchturm war wie eingebettet in Grün, Rot und Gold; weite Felder dann, und dahinter der Höhenzug mit den festgeschlossenen geradlinigen dunklen Kieferforsten.
Aufmerksam schaute der junge Offizier in die Weite. Eine Weile schwieg er. Aber dann begann er von seiner Heimat zu sprechen, von dem ewig blauen See, von ragenden Felsen, von schneegekrönten Häuptern. Er sprach von den Weinhängen, auf denen jetzt die feurigen Trauben reiften, von der üppigen Vegetation am Gestade des Neuchateller Sees mit den Wäldern von echten Kastanien, von den Magnolien und Mandelbäumen im Garten von Schloß Merivaux.
Er konnte also auch ernst sprechen. Sieh einmal an. Ernst und schön. Sie mußte das zugeben. Aber es reizte sie. Sie, die sich immer in die Weite sehnte, lehnte sich plötzlich dagegen auf, daß man ihr die Schönheit der Fremde rühmte, wo sie die Schönheit der eigenen Heimat gelobt wissen wollte.
„Warum sagen Sie mir das alles?“ fragte sie scharf dazwischen.
„Weil ich wohl möchte, daß Sie es kennen lernten, gnädiges Fräulein.“