Vollständig fast ignorierte Herr Schwarz den Neuchateller; gerade nur die notwendigste Höflichkeit lag in seinem Gruß. Er wandte sich ausschließlich an Helene.

„Darf ich mich nach Ihrem Befinden erkundigen? Aber was frage ich! Ich bin ja nicht mit Blindheit geschlagen.“

„Fragen Sie doch lieber. Oder soll ich Ihnen sagen: Fräulein von Hackentin ’at mir gerad eben gesagt, daß sie ist stock’eiser. Stock’eiser, Monsieur Schwarz —“

Der Sänger lachte. „Dann wird das gnädige Fräulein einen Scherz gemacht haben. Als ich vor einer Stunde etwa mein Fenster öffnete, hörte ich ein paar halblaute Töne, eine Kadenz nur ... unter mir mußte man auch das Fenster aufgetan haben — nun, kurz und gut, ich wußte sofort, daß diese Stimme nur die von Fräulein von Hackentin sein konnte. Ich wußte, heut ist das gnädige Fräulein nicht mehr indisponiert, heut wird sie singen.“

„Sie wird nicht singen —“ sagte Helene und setzte den Kopf noch gerader auf den Nacken.

Er nahm seinen Stock zwischen beide Hände vor die Brust, daß die goldene Krücke unter das Kinn zu liegen kam, lächelte wieder, überlegen und fast ein wenig ironisch: „Sie wird doch singen, wenn der Kollege sehr bittet.“

„Der Kollege? Welcher Kollege, Herr Schwarz?“

„Nur meine Wenigkeit, gnädiges Fräulein. Sie müssen das Wort schon mit in den Kauf nehmen: wir huldigen ja derselben Kunst, der göttlichen ...“ Plötzlich brach er ab. „Ist das nicht übrigens ein wonniger Oktobermorgen? So warm wie im Hochsommer.“

Merivaux machte eine Bewegung mit dem Zeigefinger um den Hals: „Aber Sie ’aben gepummelt das Cachenez um die Kehle.“

„Vorsicht ist zu allen guten Dingen nutze, Herr Leutnant. Diese ‚Kehle‘ hier aber ist ein gut Ding. Nicht für mich nur, sondern für die Welt, in der man den bel canto zu schätzen weiß.“