Sie waren weitergegangen und standen vor dem kleinen chinesischen Pavillon, der die Fernsicht nach der anderen Seite bot: nicht auf Rohlbeck, sondern nach Stellberg hin. Fast das gleiche Bild, nur daß das Dorf im Vordergrunde fehlte. Und da sagte Schwarz: „Wie schön doch diese Mark Brandenburg ist. Ich hätte es nie für möglich gehalten. Man hatte mir so viel erzählt von ihrem öden Sande, daß ich in eine Wüste zu kommen fürchtete. Aber nun kann ich mich gar nicht satt sehen an diesen weiten Blicken auf die geraden schlichten Linien der Landschaft. Ich kenne doch ein großes Stück Welt, kenne romantischere, äußerlich reizvollere Gegenden. So gepackt aber hat’s mich selten wie hier. Wie das alles zusammenstimmt: Landschaft und Menschen. Alles so offen, so einfach, ohne Kompliziertheit, immer zum Herzen sprechend. Sprechend? Nein, klingend, tönend. Man muß es lieben, beides, Land und Leute.“
Helene schwieg, trotzdem er zu ihr sprach. Nur zu ihr. Sie wollte nicht antworten. Aber hindern konnte sie doch nicht, daß sich die Worte wieder in ihre Seele schmeichelten, die Worte und der Klang dieser Stimme.
„Ist doch ein armselig Land!“ sagte Merivaux dazwischen. Wie aus Trotz heraus.
„Wie Sie das nur behaupten können! Es gibt gewiß reichere Erdenflecken. Länder, in denen wirklich Milch und Honig fließt, Gegenden, die auch auf das äußere Auge stärker wirken. Die Mark spricht, für mich, zur Seele. Und nun die Menschen! Merkwürdige Menschen. Schlendere ich gestern abend durch das Dorf. Ganz allein. An einem Zaun steht ein alter Bauer, ich fang ein Gespräch mit ihm an. Wortkarg gibt er Rede und Antwort. Und dann hat er — ich sprach vom Wetter — fast genau Hamlets Wort: es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde ...“
Merivaux schlug sich wieder mit seiner Gerte auf den Stiefelschaft, daß es klatschte: „Da ’aben Sie dazu gedichtert, Monsieur Schwarz. Einfach hineingedichtert. Der Bauer ist Bauer, und Bauer bleibt Bauer.“
Der Sänger zog die Achseln hoch und sah zu Helene hinüber, als erwartete er einen Einwurf, eine Parteinahme für sich. Aber die blieb aus. Ihre Gedanken waren eine andere Straße gezogen. In ihr klangen nur seine Worte über das Landschaftsbild. Zuerst hatte sie sich darüber gefreut, gerade weil sie im Gegensatz zu Merivaux’ Urteil standen. Nun schienen sie ihr doch ein wenig phrasenhaft, ein wenig gekünstelt. Was hatte der Neuchateller eben gesagt? Hineingedichtert ...
Da sagte Schwarz, und sie horchte wieder auf seine weiche, einschmeichelnde Stimme: „Wir wollen nicht streiten. Der Morgen ist wirklich zu schön dazu. Kommen wir nicht auf diesem Wege zur Fasanerie, gnädiges Fräulein?“
Sie nickte, und sie gingen weiter.
Erst zu dreien, dann blieb Merivaux ein paar Schritte zurück. Einmal sah sie sich nach ihm um; flüchtig, eigentlich nur aus Höflichkeit, als Verwandte des Hauses, dessen Gast auch er war. Aber er stand an den Büschen, hatte die Zweige auseinandergebogen, spähte vielleicht nach einem Vogelnest. Das mochte ihn mehr interessieren als alles, was der Russe — immer noch nannte sie ihn in Gedanken so — erzählte. Der hatte schnell wieder den Übergang gefunden vom märkischen Bauer zur großen Welt. Aus der Enge in die Weite, schien es ihr. Er sprach von Petersburg, von Paris, von Wien, vom geselligen Leben, vom Theater. Es war ihr so fremd, es war ihr so neu — fast alles, was er sagte. Man mochte wollen oder nicht: man mußte lauschen. Auch dem, was er über sich einfließen ließ: von dem unwiderstehlichen Drang, der ihn, den Sohn eines Bergwerkdirektors, zur Kunst getrieben hätte; wie er schon auf dem Gymnasium durch seine Stimme Aufsehen erregt, welche Kämpfe er zu durchringen gehabt, wie dann das Glück über ihn gekommen wäre. Und nun sei er auf der Höhe —
„Auf der Höhe ... ja ... und doch nimmer befriedigt ...“