Und dann war mit einem Male Merivaux neben ihnen und noch ein anderer, den er unterwegs aufgelesen haben mußte.
Merivaux hatte wieder ein fröhliches Lachen, das ihr geradezu weh tat in diesem Augenblick. „Also, Monsieur Schwarz, also hier ’ab ich einen ganz Sachverständigen. Also, Monsieur Smithals, also was ’alten Sie von die märkischen Bauer?“
Worauf der stämmige Alte auch lachte: „Unse Pauern? Verfluchtigte Sakarmenter sind’s, Herr Leutnant.“
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Helene war unter den Fröhlichen sehr still gewesen.
Man war bei Tisch immer fröhlich in Rackow. Die Tafelrunde hatte hier ihre besondere Weihe. Onkel Ernst war ein Schlemmer. Er nannte sich einen Gourmet, aber er war beides: Gourmet und Gourmand; er aß möglichst erlesen und aß — wie ein Scheunendrescher. Wenn er am eigenen Tisch vor seinem berühmten ovalen Ausschnitt präsidierte, in den sein Bäuchelchen gerade hineinpaßte, glänzte sein Gesicht vor Behagen und Wonne: „Nun, Mariechen, was gibt’s denn heut?“ fragte er noch vor der Suppe, obwohl er das Menü schon vorher mit Monsieur Bombourdan, dem Chef, eingehend erwogen hatte. Und Tante Marie, die selber aß wie ein Piepmatz, aber noch eine weit feinere Zunge hatte als der Rackower, lächelte gnädig: „Du wirst schon zufrieden sein.“ Dann sah Onkel Ernst regelmäßig unter seinem Monokel „um die Ecke“, musterte der Reihe nach seine Gäste und freute sich, wenn er auch bei ihnen einiges Verständnis erhoffen konnte.
Heut mochte das angehen. Die Rohlbecker waren heraufgekommen. Die Rohlbecker Damen — mit denen war zwar in bezug auf kulinarische Genüsse nicht viel anzufangen; der alte Rittmeister würdigte eigentlich nur eine Delikatesse, im Juni den Matjeshering, von dem er sich regelmäßig einmal im Jahr ein kleines Tönnchen aus Hamburg kommen ließ. Aber Wilhelm Hackentin hatte sich in Berlin neuerdings zu einem kleinen Schlecker ausgebildet, der eine Holsteiner Auster von einer Native mit geschlossenen Augen zu unterscheiden wußte. Der lustige Merivaux kannte sich auch aus; französisches Blut! Neulich hatte der davon gesprochen, daß man Hammelkoteletten eigentlich nur in einer Pfanne braten sollte, die mit einer Zwiebel ganz, ganz leicht ausgestrichen wäre — „grad nur ein ’auch“. Nicht übel. Und Alfred Schwarz war geradezu ein Mann nach Onkel Ernsts Herzen. Das Bürschlein hatte schon in Ems eine Zunge bewiesen, die der Nachbarschaft seiner berühmten Stimmbänder nichts nachgab. Eine Bordeauxzunge, die Lage und Jahrgang geradezu erstaunlich zu beurteilen wußte, im Handumdrehen, und die auch beim Champagner nicht versagte. Petersburger Schule, so lächerlich das war. Das Volk soff Wuttki, Wuttki und nochmals Wuttki, aber dafür aßen und tranken die oberen Zehntausend desto besser.
Man war wie immer sehr fröhlich am Rackower Tisch.
Nicht laut indessen. Selbst die heitersten Scherzworte flogen in gedämpftem Ton herüber und hinüber. Gerade, daß die kleine, mollig runde Grete Waldegg, die Tochter vom Stockschen Oberstleutnant, manchmal aufkicherte, wenn ihr Tischherr, der rote Fritze Hackentin, ein bissel mit ihr zu schäkern versuchte.
Helene war unter den Fröhlichen sehr still.