Merivaux hatte sie geführt und gab sich umsonst redlichste Mühe, ein Lächeln auf dem heut so eigen ernsten Gesicht heraufzulocken. Auf ihrer anderen Seite saß ihr Bruder Wilhelm. Der wußte, so gesprächig er war, auch nichts mit ihr anzufangen. Sie saß mit gesenkten Augen und berührte die Speisen kaum. Nur ein Glas roten Champagners, Spezialität des Rackower Kellers, Marke Ruinart & Cie. in Reims — trank sie hastig leer.
Ihr gegenüber hatte, zwischen Martha Hackentin und Tante Marie, der Russe seinen Platz.
Manchmal, auf den Bruchteil einer Sekunde, sah Helene zu ihm hinüber. Wie unter einem Zwang. So lebhaft er sich unterhielt: jedesmal trafen sich doch ihre Blicke. Und immer senkte Helene, erschrocken, die Augen wieder auf ihren Teller.
Der Kaffee wurde im Damast-Salon genommen. Nicht um den großen runden Tisch, wie in Rohlbeck und in den anderen Gutshäusern, wo der Nachmittagskaffee mit „Stippe“ eine besondere Rolle spielte. Frau Marie wußte in ihrem roten Salon die Gäste unaufdringlich in einzelne Gruppen zu gliedern, Altersklassen und Interessensphären geschickt zusammenzuschieben.
Auch ihr Salon hatte Stil. An den damastbespannten Wänden ein paar gute Bilder, ein Aquarell von Hildebrand mit aller Farbenpracht der Tropen, ein treffliches Porträt von Franz Krüger, das Onkel Ernst noch in seiner Jugend Maienblüte, als schlanken Jüngling, darstellte, ein großer Stich nach Guido Reni. Zwischen den Möbeln, wo es irgend anging, Blattpflanzen und blühende Blumen, die der Gärtner täglich erneuern mußte, und neben dem Kamin eine ziemlich große Voliere, hinter deren vergoldeten Stäben ein Dutzend winzig kleiner Tropenvögel das kurze Leben verträumte. Das kurze Leben: denn diese bunten Kinder einer südlicheren Sonne starben dahin wie die Fliegen, trotz der liebevollsten Pflege, und der Berliner Händler mußte alle paar Wochen Nachschub senden. War Tante Marie aber besonders in Stimmung, so öffnete sie die Tür der Voliere, lockte die Tierchen heraus, bis sie frei im Salon umherflatterten. Es gab dann immer lautes Jubeln, viel „Ahs“ und „Ohs“. Nur dem alten Rittmeister war die „Unzucht“ ein Greuel. Er huldigte Frau Marie mit einem Respekt, in dem sich chevalereskes Wesen und derbes Landjunkertum eigen mischten. Aber ihre Behandlung der Tropenfremdlinge nannte er, dem sonst jede Humanitätsduselei weltenfern lag, Tierquälerei.
Unter dem Stich nach Guido Reni stand der wunderschöne Bechsteinflügel in gläsernen Untersätzen auf dem dunkelroten Teppich.
Helene und die mollig runde Grete Waldegg waren von der Hausfrau an dem Tischchen beschäftigt worden, auf dem die silberne Kaffeemaschine mit all ihrem Zubehör prunkte. Das war in Rackow immer das Amt der jungen Mädchen: sie hatten den Mokka zu bereiten, Herrn Höhne zu assistieren, den älteren Damen persönlich das Meißener Schälchen mit einem artigen Knicks zu überreichen. Tante Marie sah dem gern zu, durch die scharfen Gläser ihrer langstieligen Lorgnette, und manchmal gab’s nachher eine kleine Instruktionsstunde: „Cherie, so faßt man aber eine Tasse nicht an“ ... „Mignonne, vor einer Greisin könntest du dich wirklich ein wenig tiefer beugen“ ... „Mein liebes Kind, man macht bei solcher Gelegenheit kein air moussade ... lächeln mußt du, liebenswürdig lächeln ...“
Ihr eigenes kleines spitzes Gamingesicht hatte ja meist auch solch ein liebenswürdiges, komplisantes Lächeln. Auch jetzt, wo sie — nachdem der Kaffee genommen war — einen Blick der Aufforderung zu Herrn Schwarz hinübersandte. Der stand an der Tür zur Bibliothek, der einzige Gast in Frack und weißer Battistbinde, mit ein paar Orden im Knopfloch, das Täßchen noch in der Hand. Ziemlich vereinsamt. Aber er zeigte es nicht, daß er sich vereinsamt fühlte. Seine Blicke waren all die Zeit im Zimmer umhergewandert, um schließlich immer wieder auf Helenens rostbraunem Haar, das in hundert winzigen Löckchen sich gegen den glatten Scheitel sträubte, haften zu bleiben.
Er verstand den Blick der Hausherrin sofort. Vielleicht hatte er darauf gewartet. Ganz leicht verbeugte er sich, setzte die Schale beiseite, ging auf den Flügel zu, öffnete die Klaviatur. Höhne eilte diensteifrig herbei, schob den Stuhl zurecht.
Helene hatte sich mit Molly und Bruder Fritz ins Schmollwinkelchen neben der Voliere geflüchtet. Ganz tief zurückgelehnt saß sie, hatte die Hände im Schoß verschränkt. Und um ihre roten Lippen spielte ein etwas spöttischer Zug. Sie fand, daß der Russe keine gute Figur machte. Es war immer wie eine Pose; sein Stehen an der Tür, sein gleitendes Schreiten, die Art, wie er jetzt am Flügel Platz nahm, einen Moment nachzusinnen schien. Eine kleine Schadenfreude war in ihr und doch auch eine große Erwartung.