Tief in Träumen befangen saß Helene. In Träumen, die vor ihr die Pforten einer neuen Welt weit auftaten ...
Dann horchte sie doch auf, erschreckt zuerst.
Von neuem hob es an. Sie fühlte sogleich, daß eine andere Hand den Flügel meisterte. Als sie den Blick hob, sah sie, daß Tante Marie vor dem Instrument saß, daß der Russe neben ihr stand.
„Letzte Rose“ sang er.
„Letzte Rose ... o wie einsam magst du hier verblühen ...
Deine andern freundlichen schönen Schwestern sind ja längst, ja längst dahin ...“
Es war anders als vorhin. Vielleicht war es noch schöner. Seine Stimme klang gleich kräftig, aber weicher, einschmeichelnder. Wie ein ewiges Locken war es, ein süßes, verführerisches Bitten, Flehen, Werben ...
Wieder saß sie weit vornübergebeugt, die Hände gegen die hochatmende Brust gepreßt. Und nun die Augen auf ihn gerichtet. Sie sah nur sein Profil, die scharf geschnittenen Linien des schönen Gesichts. Gleich einer Silhouette hob sich das ab von dem Hintergrund der roten Damasttapete, hell beleuchtet von den vielen Kerzen des Kronleuchters. Die kleine Gestalt von Tante Marie war nur wie ein helles Fleckchen vor dem Flügel. Über ihr Köpfchen blickte er hinweg auf die Notenblätter. Zwei — dreimal griff seine Hand nach vorn, um sie zu wenden.
Dann plötzlich, ganz zuletzt, wandte er den Kopf. Sein Blick streifte durch den Raum, wie suchend, blieb auf Helene haften. Ein Lächeln kam zu ihr hinüber: war’s recht so? Ein siegesgewisses Lächeln: nicht wahr ... es ist schön gewesen!
Noch eine glänzende Perlenkette von Tönen, sieghaft wie jenes Lächeln, mühelos quellend wie im Triumph des großen Könnens. Und er schwieg.