Wieder der starke Beifall. Ganz leicht neigte er den Kopf zum Dank. Vater, Wilhelm waren schon neben ihm, schüttelten ihm die Hand, Onkel Ernst hob sich aus seinem Sorgenstuhl, rollte sich zum Flügel. Tante Marie hatte den Drehsessel umgewendet, lachte zu ihm in die Höhe.
Aber plötzlich löste er sich aus der Plaudergruppe. Mit raschen Schritten ging er quer durch das Zimmer, blieb vor Helene stehen und bat, ehe sie noch recht zur Besinnung kommen konnte: „Jetzt werden Sie singen, gnädiges Fräulein!“ Bat — und es war doch fast wie ein Befehl. Sie schrak heftig zusammen, aber sie stand auf. Schüttelte den Kopf, hob die Hände zur Abwehr. So stark war sie erschrocken, daß sie nicht sprechen konnte. Nicht einmal das eine: ‚Jetzt — nimmermehr.‘
„Darf ich Sie zum Flügel führen?“ hörte sie seine Stimme. Und zugleich neben sich ein leises, etwas spöttisches Kichern der molligen rundlichen Molly. Es klang ihr auch wie: ‚Jetzt singen ... wie sollte die Lene das riskieren.‘ Aber es peitschte ihren Trotz auf. Sie legte mit einem plötzlichen Entschluß ihre Hand in seinen Arm, ging ein paar Schritte, blieb dann doch wieder stehen: „Ich kann jetzt nicht singen ... nach Ihnen!“
„Gnädiges Fräulein ...“
Sie standen mitten im Zimmer, gerade unter dem Kronleuchter, und nun nicht mehr allein. Tante Marie war herangetreten: „Aber, Mignonne!“ Vater kam und erklärte im Rittmeisterton: „Ziere dich nicht. Das ist ridicül. Das heißt: Sing, so gut du kannst. Mehr verlangt keiner.“
‚Ich kann nicht —‘ wollte sie noch einmal sagen. Aber sie fühlte sich von Schwarz unwiderstehlich weitergezogen, mit einem ganz sachten Druck seines Armes, stand schon am Flügel und wußte gar nicht, wie sie dorthin gekommen war.
„Was werden Sie uns singen?“ fragte Schwarz. Und zum dritten Male wollte sie entgegnen: ‚Gar nicht singen will ich‘ und hatte doch schon die Hand nach dem Notenschränkchen neben dem Instrument ausgestreckt. Er griff gleichzeitig zu. Die Blätter raschelten. Auf einen Augenblick berührte ihre heiße Stirn fast seine Wange. Wieder schrak sie zusammen, richtete sich hastig auf, schüttelte den Kopf. Wortlos ...
‚Warum quälen sie mich!‘ schrie es in ihr. ‚Warum quälen sie mich? Ich kann ja doch gar nichts. Kann ja nicht singen ... hier nicht ... heut nicht ...‘
„Mendelssohn liegt Ihnen gewiß, gnädiges Fräulein?“
Er hatte ein Blatt herausgesucht, wies es ihr hin. Und in heller Verzweiflung neigte sie den Kopf.