„Soll ich akkompagnieren?“

Endlich fand sie die Sprache wieder: „Nein — nein! Ich begleite mich immer selber ...“ Der Gedanke, hinter ihm zu stehen, ihm folgen zu müssen, war ihr unerträglich.

Dann war plötzlich Bruder Wilhelm neben ihr. Sie mochte ihm leid tun. Er schob ihr den Stuhl zurecht, raunte ihr ein paar liebe Worte zu —

Und nun saß sie, hatte die Hände auf den Tasten, sah auf das Notenblatt und meinte, keinen Finger rühren, keinen Ton herausbringen zu können. Die Stimme stickte ihr ja im Halse, die Kehle war so trocken, war wie zugeschnürt. Weinen hätte sie mögen.

Aber mit einem Male, ganz jäh, war das alles anders.

Mit einem Male kam es wie eine große Befreiung über sie. Unerklärlich, wie das geschah. Ganz plötzlich hatte sie das Empfinden: ‚Du mußt singen! Du kannst es! Du wirst es gut machen, wirst ihm beweisen, daß du keine elende Stümperin bist. Daß auch dir Gott die Gabe verlieh ...‘

Noch sah sie wie durch einen Tränenschleier die Noten. Aber gleich darauf ward es helle vor ihr. Das leise, unsichere Beben der Finger, das sie vorhin gespürt, verschwand. Sie fühlte, wie die Stimme frei wurde ... ganz frei —

Und so sang sie —

„Wie ist Natur so hold, so gut!“

Das Goethesche Lied hatte er für sie gewählt.