Während sie sang, wurde sie froh. Das war ja fast immer so; aber heut doch anders wie sonst; eine wahre Lust, hinauszujubeln, erwachte in ihr.
„Auf der Welle blinken
Tausend schwebende Sterne,
Weiche Nebel trinken
Rings die türmende Ferne ...“
Es war wie ein Rausch. Ein holder, beseligender, traumhafter Rausch. Sie fühlte wohl, daß es ihr glückte, daß sie gut sang, besser als je. Aber sie gab, was sie gab, doch völlig unbewußt. Die Töne quollen in ihr empor, ohne daß sie suchte.
Und dann war alles aus. Mit dem letzten Ton entschwanden ihr Wille und Kraft, die Begeisterung erlosch, die Spannung der Seele ließ nach. Müd und matt wie ein Vögelchen, das aus Wolkenhöhen zu Boden geschmettert wurde, hockte sie vor dem Instrument, die Hände waren von den Tasten gesunken und lagen im Schoß. Sie hörte nur undeutlich den Beifall, dachte nur: ‚ach ... es war ja doch nichts, du kannst ja gar nichts; und wenn sie klatschen ... was verstehen sie!‘ Ein Schluchzen stieg auf in ihr. Sie biß die Zähne aufeinander, preßte die Lippen zusammen; tief herab glitt ihr Kopf, und die Stirn schmerzte.
Mehr sollte sie singen. Die Stimmen schwirrten durcheinander. Man bat, machte Vorschläge: eines der Taubertschen Kinderlieder, das Rothschild-Liedchen: Si vous n’avez rien à me dire ...
Nein! Nein! Nein!
Dann stand sie jäh auf. Mit dem plötzlichen Entschluß: ‚jetzt willst du das letzte wissen ... sein Urteil ... und wenn es dein Todesurteil wäre ...‘