Sie wandte sich kurz um.

Und da sah sie ihn. Er stand nicht in der Gruppe der Verwandten am Instrument. Er war zurückgetreten, lehnte wie vorhin, ehe er gesungen, an der Tür zur Bibliothek.

Sie sah ihn und sah, daß seine Augen zu ihr herüberleuchteten. Und nun kam er, faßte ihre beiden Hände, unbekümmert um alle, die um sie waren, und sprach: „Sie werden eine große Sängerin werden! Eine von den ganz großen, vor denen sich Könige und Fürsten neigen. Ich preise mich glücklich, daß ich als Erster Ihnen das sagen darf.“

Viertes Kapitel

Kantor Flehr schob mit gesenktem Haupt langsam über die Dorfaue. Man konnte es ihm ansehen, daß er Sorgen hatte, die ganze Hucke voll, und zwar, trotzdem Kartoffelferien waren und die liebe Jugend ihm daher den Schädel nicht heiß machte.

Sorgen hatte Kantor Flehr zwar eigentlich immer. Ein Dorfschulmeisterlein im Königreich Preußen und keine Sorgen: das gab’s ja einfach nicht. Gerade daß man vor dem Verhungern geschützt war — bei der Herde Kinder, die sich so nach und nach einfand. Recht machen konnte man es auch niemand: dem Herrn Patron nicht; dem Herrn Pastor nicht, obwohl beide noch nicht die schlimmsten waren, im Gegenteil. Den Bauern und Kätnern, dem lumpigsten Tagelöhner erst recht nicht. Und deren Ehegesponsten nun schon gar nicht. Denn im Grunde genommen: den Weibsen wär’s am liebsten gewesen, wenn sie ihre Rangen gar nicht in die Schule zu schicken brauchten, oder wenn er den Nürnberger Trichter besäße, um Bub und Mädel in einem einzigen Viertelstündchen- alles einzutrichtern, was sie fürs Leben gebrauchten. Damit besagte Rangen den besagten Eltern in Feld und Wirtschaft helfen könnten, von früh bis spät. Von der Bildung hielt das Volk verflucht wenig. Aber man selber hatte doch nun mal sein Pflichtgefühl und seine Ideale. Hatte man, und konnte, durfte man nicht preisgeben. Wenn schon das ganze Dasein immer wieder die elendsten Kompromisse verlangte.

Sorgen also hatte Kantor Flehr eigentlich immer, und sie hatten ihm wohl auch die tausend Runzeln und Fältchen in das alte Gesicht gegraben. Aber an diese alltäglichen Sorgen gewöhnte man sich allgemach, wie man sich daran gewöhnt hatte, daß Quetschkartoffeln mit einem Brocken Speck gar kein so übles Essen waren, oder daran, daß man immer wieder einen Pflock zurückstecken mußte, was die eigene geistige Fortbildung anbetraf, oder daran, daß Goethe und Schiller nur an Sonntagsnachmittagen vom kleinen Bücherbord heruntergenommen werden konnten; auch daran, daß das alte Klavier von Jahr zu Jahr dünner im Ton wurde.

Es mußte schon einiges Besondere zusammenkommen, wenn Kantor Flehr den Kopf so tief auf der Brust trug wie heute, den schmalen, langen Oberkörper so vornübergeneigt hielt.

So war es aber auch. Der Tag verdiente drei Kreuze im Kalender.

Erst hatte man vom alten Heckstein wieder einmal eine kleine Vorlesung entgegennehmen müssen über den Geist der „Regulative —“. Selbstverständlich, das wußte man ja, kam die Salbaderei dem guten Heckstein selber nicht recht aus dem Herzen; war ein viel zu aufgeklärter Mann dazu, um vom Geist dieser Regulative überhaupt aus Überzeugung sprechen zu können, dieser Einschnürungs- und Verdummungsparagraphen. Aber ein Keil drückte da eben den andern. Und das war schließlich dem Pastor doch wohl aus dem Herzen gekommen, daß er sagte: „Überhaupt, Herr Kantor, Sie sind mir zu liberal!“ Ja ... hm ... was sollte man darauf erwidern, wenn der Alte so seinen gichtgekrümmten Zeigefinger hob? Zu liberal! Du mein Gottchen! Man hatte doch eben seine Ideale. Und wer die nicht, innerlich mindestens, hochzuhalten wußte in dieser Zeit, wo die Reaktion wieder mal umging, als ob sie die letzten paar Säulchen untergraben wollte, auf die sich noch die Freiheit des Staatsbürgers stützen konnte ... ja, wer sich seine bißchen Ideale nicht zu wahren wußte, der ging eben moralisch vor die Hunde. Nicht mehr Staatsbürger, sondern Staatsknecht war man dann ...