Nun ja ... und eine Stunde darauf war der Schulze gekommen, Christian Lehmpuhl. Hatte wieder mal solch ein Schreiben vom Herrn Landrat, Hochwohlgeboren. Wenn man nur die Handschrift des hochmögenden allmächtigen Kreissekretärs sah, konnte einem die Galle überlaufen; es roch ordentlich nach Bureaukratie daraus. „Es wird darauf aufmerksam gemacht ...“ fing es immer an. „Wonach zu richten“ oder „Es wird mit Bestimmtheit erwartet ...“ schloß es. Diesmal auch. Und dazwischen gab’s Donner und Blitz gegen die „auf Untergrabung der Königlichen Autorität abzielenden Bestrebungen“; gegen die „schlechten, staatsfeindlichen Zeitungen“, die den „Geist der Auflehnung zu verbreiten suchen“; gab’s eine Lobrede auf das Kreisblatt. Das Kreisblatt! Das Käseblatt! Da stand nun Christian Lehmpuhl und wußte sich nicht Rat. Was sollte man ihm raten? Gegen den Herrn Landrat?! Der Wind und Wetter machen oder die Sonne scheinen lassen konnte über Gerechte und Ungerechte. Zumal, wo man doch genau wußte, daß die Bauern weder eine vernünftige Zeitung noch das Kreisblatt lasen. Was lasen die denn überhaupt! Na ja ... schließlich war’s denn wieder auf aller Weisheit Schluß herausgekommen: „Da wer’ ik woll die Krakulle rumschicken müssen“, hatte der Schulze beschlossen. Schön ... schön: also morgen ging das berühmte gebogene Holzstück von Haus zu Haus, und daran flatterte das Schreiben des Landrats wie ein Fähnchen. Aber der Bauer wandte es ja doch nur rechts und drehte es links; es las keiner, oder wenn es einer las, verstand er’s nicht. Und das war noch das Beste ...
Ja ... und dann war der Herr Doktor Hemming aus dem Schloß herübergekommen. Der Mann wußte ja eminent viel, alles was wahr ist; ein tüchtiger Pädagoge sollte er auch sein, und die Junker lernten mächtig, hieß es. Aber ein unausstehlicher Mensch blieb er mit seinem hochmütig-herablassenden: „Herr Kollege“. Immer klang das wie schneidende Ironie. Und immer hatte er gleich die Politik beim Wickel. Immer in seiner herausfordernden Art. „Es rührt sich endlich, Herr Kollege. Es rührt sich. Haben Sie das neueste Flugblatt des Deutschen Nationalvereins gelesen? Großzügig — famos! Und unser Landtag! Da ist doch noch mal Wille und Kraft. Waldeck und Twesten und die anderen. Alle — ganze Männer! Nicht wahr? Wenn die Regierung ihre Sache auf die Spitze treiben will, sie soll’s nur wagen. Dieser Ansturm des Militarismus wird am festen Willen des Volkes zerschellen, ist eigentlich schon zerschellt, und auch diese neue Größe, dieser Herr von Bismarck, wird daran nichts ändern. Sagen Sie selber, Herr Kollege, soll unsere Nation verbluten unter der Last der Armee? Dieses unproduktiven Heeres, das kein Volksheer mehr ist, sondern nur noch ein dynastisches Werkzeug? Wer könnte das leugnen? Glauben Sie mir nur, Herr Kollege, die Überzeugung wächst in immer weitere Kreise hinein, daß es auf diesem Wege nicht mehr weitergehen kann. Selbst in die Kreise des Junkertums. Fragen Sie mal bei Herrn Fritz von Hackentin an, wie der über die gegenwärtige Situation denkt.“
Eine Viertelstunde war das so weitergegangen. Eigentlich ganz interessant. Man sprach ja gern mal mit einem gebildeten Mann über politische Dinge, wo man so ganz vereinsamt lebte. Wenn nur nicht dieser entsetzliche Hochmut in dem Doktor Hemming gesessen hätte. Sprach man denn überhaupt mit ihm? Er sprach ja allein.
Ja, und dann kam’s zum Schluß: „Übrigens läßt der Rittmeister Ihnen sagen, Herr Kollege, daß er mit Ihnen zu reden hätte. Sie möchten doch gegen Mittag mal im Schloß vorsprechen.“
Na ja ... und das war vielleicht das Ärgerlichste. Das dickste Ende kam nach. Denn der alte Rittmeister war zwar ein lieber, prächtiger Mann, aber gut Kirschenessen war unter Umständen mit ihm nicht. Im Grunde war und blieb er doch immer der Junker, der keine Überzeugung neben der eigenen dulden konnte. Der König von Rohlbeck! Du mein Gottchen! Ein armseliges Königreich. Nur daß man doch darin leben mußte, daß man es unmöglich mit dem alten Herrn verderben durfte. Mit ihm nicht, mit der Herrschaft überhaupt nicht. Es gab da doch zu viel Fäden, die man nicht zerreißen konnte.
Was der Herr Rittmeister nur wollte? Natürlich betraf’s auch wieder die Politik. Man hörte das ja ordentlich im voraus: „Das heißt, Kantor, ich muß sagen ...“
Ja, Kantor Flehr hatte heute seine dreifach gesiebten Sorgen. Das graue Haupt sank immer tiefer auf die schmale Brust herab, je näher er den beiden schwarzen Stämmen mit den Kanonenkugeln darauf kam, die den Eingang zum Schloßgarten flankierten.
Aber dicht vor dem dräuenden Tor hatte er noch eine Begegnung. Von der anderen Seite kam der Großbauer Metschke, Adolf Metschke, und hielt ihn fest. War sonst eigentlich ein ordentlicher Mann, der Metschke, hatte außerdem eine prächtige Stimme, die manchmal den ganzen Kirchenchor zusammenhielt. Aber wen er einmal festhielt, der kam nicht so leicht los.
„Gut, dat ik Ihnen treffe, Herr Kantohr. Ik wollt zundersch mit Ihnen reden. Is das denn die Wahrheit, daß se de Soldaten abschaffn wolln?“
„Aber Metschke —“