Dem Rittmeister stak immer noch das „Er“ zwischen den Lippen. Natürlich, er wußte, das ging nicht mehr in der neuen Zeit, Anno 1862. Selbst zum kleinsten Kossäten mußte man „Sie“ sagen. Aber das „Sie“ wollte bisweilen nicht recht über die Lippen, und dann kamen allerlei wunderliche Umschreibungen heraus.
„Also, da wären wir ja, Herr Kantor“, wiederholte er. „Guten Tag auch. Das heißt, ob es ein guter Tag ist heut, wer will das wissen?“
Er stand in der Mitte der Stube. Am Fenster saß die alte Gnädige, am Ofen saß Wilhelm Hackentin, und beide nickten dem Kantor zu. Der dienerte, wobei seine endlos lange Gestalt fast zu einem rechten Winkel zusammenknickte, und dann rieb er sich, verlegen wartend, die knochigen Hände.
„Wir wollen uns lieber setzen, Herr Kantor,“ begann der Rittmeister wieder, blieb aber stehen, um nach einem Weilchen fortzufahren: „Aber warum setzt man sich denn nicht? Da ... bitte ...“
Herr Flehr setzte sich wirklich; aber nur auf die Kante des nächsten Stuhls, und er dachte noch immer: ‚was der Rittmeister nur will?‘
„Also ... nämlich ... das heißt, wir müssen ein ernstes Wort miteinander reden, Herr Kantor.“ Damit begann der alte Herr seine gewohnte Wanderung auf der Diagonale des Zimmers. Es wurde ihm leichter, während des Gehens zu sprechen. Auch jetzt. Freilich in wohlkonstruierten Sätzen kam die Rede nicht heraus:
„Also ... nämlich ... das heißt, gestern in Rackow. Da war ein Sachverständiger, das heißt, man sagt es. Ein kaiserlich russischer Hofopernsänger. Das heißt, manchmal denk ich, er ist ein Luftikus. Da hat das gnädige Fräulein gesungen, Helene. Und der Monsieur Schwarz oder Weiß — Namen kann ich nie behalten —, der hat ein großes Wesen davon gemacht. Mag ja auch sein ... das heißt, ich habe selber gefunden, Lene sang sehr schön. Aber was versteh ich davon?! Also der Mann hat allerlei Fladusen vorgebracht: eine unvergleichlich schöne Stimme, eine Wunderstimme und so, wie sie nur alle hundert Jahre vorkommt. Und daß es ’ne Sünde und ’ne Schande wär, wenn solch eine Stimme nicht an die Öffentlichkeit käme. Öffentlichkeit — schrecklich! Ja ... und sie haben alle auf mich eingeredet, das heißt, der Sänger voran und dann die Rackower und da der Wilhelm auch, Helene müßte nach Berlin. Das heißt ... nämlich ... da liegt der Haken! Ihre Kunst in Ehren, mein lieber Kantor, aber mit der Schule, oder wie man’s nennt, da hapert es noch. So das Tippelchen auf ’m i. Also nach Berlin, zu irgendeiner ganz großen Lehrerin. In Berlin gibt’s natürlich so was. Was gibt’s denn am Ende in Berlin nicht? Nämlich aber: das kostet ein riesiges Geld. Die Berliner nehmen’s von den Lebendigen und den Toten. Und da ... das heißt, da möcht ich erst mal den Kantor Flehr fragen, auf Ehre und Gewissen, ob er nach seinen Kenntnissen meint ... das heißt, ob er wirklich und wahrhaftig glaubt, daß es mit der Stimme von dem gnädigen Fräulein so etwas ganz Besonderes auf sich hat?“
Der alte Rittmeister hatte sich heiß geredet. Ganz fließend hatte er schließlich gesprochen, während er dreimal die Diagonale des Zimmers durchmaß. Jetzt erst sah er auf und zu dem Kantor hinüber. Und da stand er still und staunte.
Es war wohl auch ein wunderliches Bild.
Ruckweise, langsam hatte sich die lange Gestalt gestreckt und gehoben. Das Kinn zuerst, der Nacken dann; der immer gebeugte Rücken war gerade geworden, und nun stand der ganze Mann aufrecht da, ganz aufrecht, hatte die hageren Hände vor der Brust gefaltet, und aus seinen grauen Augen leuchtete es.