Nichts sagte er als: „Lieber Gott, ich danke dir, daß ich das noch erlebe!“ Sagte es so rührend, daß die alte Gnädige am Fenster leise aufschluchzen mußte.
Auch den Rittmeister mußte es wohl packen. Aber er knurrte nur ein paar ganz unverständliche Töne, und um seiner Bewegung Herr zu werden, fuhr er den Kantor an: „Das heißt, wir spielen doch hier nicht Komödie. Man kann doch nie auf eine klare Frage eine deutliche Antwort bekommen — hol’ mich der Deubel!“
Sonst hätte solch ein Ton Herrn Flehr gleich aus der Kontenance gebracht. Diesmal nicht. Mit erhobener Stirn gab er zurück: „Ja, Herr Rittmeister, die sollen Sie haben. Ich bin nur ein einfacher Dorfschulmeister, aber von Gesang versteh ich einiges mehr als die meisten meiner Kollegen. Das muß wohl angeboren sein. Darum kann ich auch, wie der Herr Rittmeister es verlangen, auf Ehre und Gewissen erklären: solch eine Stimme, wie die von dem gnädigen Fräulein, mag’s wirklich nur alle hundert Jahre einmal geben. Das hab’ ich dem Herrn Pastor schon vor Jahr und Tag gesagt und hab ihn gebeten —“
„Ich weiß, ich weiß“, wehrte der alte Rittmeister ab, und dann begann er seine Wanderung von neuem, schweigend, mit immer schnelleren Schritten.
„— und es ist wohl Pflicht, solch eine Gottesgabe zu schulen —“ wagte der Kantor noch einzuwerfen.
„Pflicht! Pflicht!“ kam’s von dem Teppich herüber. „Ich weiß allein, was Pflicht ist. Das braucht man mir nicht zu sagen. Das heißt, ob’s für die Lene ein Glück ist, darauf kommt es an. Dem Mädel den Kopf verkeilen, ihr Rosinen in den Sinn setzen ... ja, und wenn Gott den Schaden besieht, wer hat etwas davon? Öffentlich auftreten — da müßt ich doch vorher in der Grube liegen! Soll eine Hackentin vielleicht als Komödiantin auf der Bühne stehen?!“
Die müde Stimme der alten Gnädigen klang dazwischen: „Solch wirklich ganz große Sängerin ist doch eine Ausnahme, Hackentin. Denk’ an die Sonntag, die eine Gräfin Rossi wurde ...“
„Komödiantin bleibt Komödiantin.“
„Aber Papa, es hat ja noch niemand ernstlich vom Theater gesprochen“, meinte Wilhelm. „Neben der Opernsängerin steht doch die Konzertsängerin.“
„Die muß auch vor die Öffentlichkeit. Das heißt, die singt auch jedem Laffen für ’n preußischen Taler was vor!“