Da sprach Kantor Flehr noch einmal. Er war schon wieder in sich zusammengesunken, aber nun richtete er sich auf, rang ein wenig mit sich, straffte wie den äußeren auch den inneren Menschen:
„Mit Verlaub, Herr Rittmeister“, begann er, und aus seiner sonst so gedrückten Stimme klang ein fester, warmer Ton. „Kommt es denn so auf das Äußere an, darauf, ob das gnädige Fräulein später einmal, so oder so, fremde Menschen entzücken, begeistern soll? Das ist gewiß auch etwas Herrliches, aber die Hauptsache, meine ich, ist es doch nicht. Die Hauptsache, mein’ ich, ist, daß das gnädige Fräulein für sich lernt. Wenn der liebe Gott einem Menschen solch eine Wundergabe verleiht, begnadet er ihn dadurch vor Millionen, aber er legt ihm auch Pflichten dafür auf. Das wollt ich vorhin schon sagen: die Pflicht, in der Kunst das Höchste anzustreben. Und weil das der Einzelne nicht immer allein kann, müssen alle, die ihn liebhaben, dabei mithelfen. Das hilft nun mal nichts, Herr Rittmeister — mit Verlaub zu sagen. Denn wenn es nicht geschieht, verkümmert die Gottesgabe ... und dann verkümmert damit der ganze Mensch! Er hätte so groß werden können, aber er wird arm und klein. Unglücklich wird er, Herr Rittmeister ... und wenn ihm sonst das Leben mit allen Gütern dieser Welt überschüttet ... er wird arm und klein und unglücklich ...“
Der Rittmeister war stehengeblieben. Er sah mit hellem Staunen zu seinem Kantor hinüber: daß der so sprechen konnte. Die alte Gnädige hatte sich erhoben, kam auf ihren Mann zu, bat leise: „Papachen ...“
Das Ticken der Kuckucksuhr hörte man, so still war es.
Bis dann Hackentin plötzlich sagte: „Die Lene hat einen guten Anwalt an unserem Flehr ... hol’ mich dieser und jener.“ Er zauste einmal rechts und einmal links an seinem weißen Schnurrbart. „Das heißt, Herr Kantor, ich bin noch nicht beim Ja und Amen. Aber unglücklich ... unglücklich soll uns die Lene nicht werden ...“
Und so kam Helene Hackentin nach Berlin. Zuerst nur, damit Frau Harriers-Wippern, die Herr Schwarz als die erste der Berliner Gesangslehrerinnen namhaft gemacht hatte, ihre Stimme prüfe. Zu mehr wollte sich der alte Rittmeister nicht verstehen.
Wilhelm mußte sowieso wieder nach der Hauptstadt; er sollte die Schwester unter seine Obhut nehmen.
Es war die erste größere Reise für Helene; über Frankfurt a. O. war sie noch nie hinausgekommen. Und diese Reise, samt allem, was mit ihr zusammenhing, war für sie ein so großes Ereignis, daß dadurch manch inneres Erleben der letzten Tage in den Hintergrund geschoben wurde. Wohl zitterte es in ihr nach: im Wachen und im Träumen. Sie schrak bisweilen mitten in ihren kleinen Reisevorbereitungen zusammen, hörte plötzlich wieder die weiche, klingende Stimme, hörte die leise ihr zugeflüsterten Worte: „Ich hab heute ja nur für Sie gesungen!“ Aber das erlosch immer wieder. Sie lächelte wohl auch darüber: es war ja nicht mehr als eine artige Courmacherei, wie sie gewiß in der großen Welt da draußen üblich war und nicht viel bedeutete. Für sie sicher nicht viel bedeutete. Denn sie hatte ja nun ihre Kunst. Die große, himmlische Kunst. Die mußte ihr alles sein. Nur die herzliche Dankbarkeit gegen Schwarz blieb lebendig: er hatte den Bann gebrochen, er hatte den Weg geöffnet und gebahnt; ohne ihn wäre sie wohl ewig in der Enge geblieben. Und als er ihr in Rackow zum Abschied die Hand gereicht, sie noch einmal mit glänzenden Augen angesehen, da hatte sie standgehalten, den Druck seiner Hand ehrlich erwidert, hatte für sein „Auf Wiedersehen!“ ein herzliches „Ich danke Ihnen! Ich danke Ihnen so sehr!“ gehabt.
Ihr junges Herz strömte überhaupt über vor Dankbarkeit. Wie gut und lieb nun alle zu ihr waren. Wieviel Opfer für sie gebracht wurden!
Die Tränen flossen beim Abschied. Aber die Augen blickten schon wieder hell über die Herbstlandschaft, ehe die Post noch die Stellberger Fichten erreicht hatte.