Sie saßen allein in der Beichaise, Wilhelm und sie. Dem Bruder schien es ähnlich zu gehen wie ihr. Auch er, der immer ein wenig leicht am Wasser baute, hatte beim Abschied Frau und Kinder mit feuchten Augen umarmt; als die Post über die Grenze von Rohlbeck rollte, beugte er sich weit hinaus, sah noch einmal zurück: „Mein liebes altes Rohlbeck!“ Dann saß er eine ganze Weile betrübt und bekümmert in seiner Ecke. Aber kurz vor Stellberg hatte er sich schon wieder aufgerichtet: „Nun, Kleinchen! So in Gedanken? Wart’ nur, was du für Augen machen wirst!“ Er hatte fröhlich gelacht dabei und fing an, von Berlin zu erzählen.

Merkwürdig schnell vergingen dabei die fünf Stunden Postfahrt. Es gab ja schon jetzt genug zu hören und zu sehen: bald kutschierte auf der Chaussee ein Bekannter vorüber und mußte mit Hallo begrüßt werden; bald hielt man zum Pferdewechsel auf einer Poststation, stieg aus, wanderte ein paar Schritte auf und ab, sie immer zärtlich bei dem Bruder eingehakt, trank in Stellberg Kaffee, aß in Reppen Mittagbrot. Spaßhaft, wie Bruder Wilhelm überall bekannt war. Auf jeder Station kamen Leute zu ihm: „Nun, Herr Baron, wieder einmal nach Berlin?“ — „Wie gehen die Geschäfte?“ — „Geht’s voran mit unserer Eisenbahn?“ Und er schüttelte die Hände, gab Auskunft, lachte, lud den zu einem Schnäpschen und jenen zu einem Schoppen Bordeaux ein.

Dann war mit einem Male die Oderbrücke da. Mächtig rauschte der Strom, und drüben breitete sich im Herbstsonnenlicht das Städtebild, Mauer an Mauer, Dach an Dach, turmüberragt.

Frankfurt kannte Helene. Ein paar Male schon war sie hier gewesen, mit Vater oder Martha, um Einkäufe zu besorgen. Ihr war’s die Großstadt. Das Auerbachsche Kleiderstoffgeschäft erschien ihr mit seinen mächtigen Schaufenstern als ein Riesenhaus, und die Rasenacksche Konditorei hatte schon in ihren Kindheitsträumen neben Tante Hufnagel eine Rolle gespielt.

„Kleinchen,“ meinte der Bruder, „wir haben über zwei Stunden Zeit bis zur Abfahrt des Zuges, und ich habe Geschäfte zu erledigen. Du kennst dich ja hier aus in dem Nest.“ Nest sagte er. „Kannst mich in ’ner Stunde in der Weinstube von Lienau abholen.“

Ihr war’s ganz recht so. Auch körperlich eine Wohltat, sich die Füße zu vertreten nach der langen Fahrt. Und so frank und frei durch die Straße zu bummeln, hier stehenzubleiben und dort, in ein Schaufenster hineinzugucken, dies zu bewundern und das anzustaunen. Wirklich: sie kam sogar bei Rasenack nicht vorbei. Eine Tasse Schokolade mit Schlagsahne wenigstens konnte sie sich leisten. Sie war ja so reich: von allen Seiten hatte man ihr noch etwas in das kleine Portemonnaie hineingesteckt, immer der eine, ohne daß der andere etwas davon wissen sollte; und am letzten Tage war gar Tante Marie in Rohlbeck gewesen, hatte sie zur Seite genommen und ihr etwas Raschelndes in die Hand gedrückt. „Da, Mignonne!“ Ein Zehntalerschein war’s, als sie ihn nachher besah. Zehn Taler — ein Vermögen!

Knapp zur rechten Zeit kam man auf den Bahnhof. Der Breslauer Zug stand schon bereit, und Wilhelm Hackentin konnte gerade noch seine Schwester und sich in ein ziemlich überfülltes Coupé bringen. Helene war atemlos vom schnellen Gehen, aber auch von der Aufregung, zum ersten Male mit der Eisenbahn zu fahren. Sie hatte ein wenig die klare Besinnung verloren, der Bruder mußte sie dirigieren und schieben. Es läutete schon, als sie endlich saß — und da sah sie noch, wie Merivaux, der Gardeschütze, auf dem Perron entlanghastete. Im ersten Augenblicksempfinden wollte sie ihm zurufen: „Hier ist noch ein Platz!“ Wollte winken — doch dann ließ sie die Hand gleich sinken und lehnte sich schweratmend zurück. Sie dachte: ‚Der ist böse auf dich. Schade. Nicht ein gutes Wort hatte er in Rackow mehr für dich. Weshalb nur? Du hast ihm doch nichts getan.‘

Da pfiff die Lokomotive, zog an, keuchend. Eine dichte Rauch- und Dampfwolke fauchte an dem Fenster vorüber, ein starker Stoß kam, ein rasselnder Ruck und noch einer. Helene griff erschrocken nach der Hand des Bruders: war ein Unglück geschehen? Doch der lächelte, hatte schon sein Zigarrenetui aus der Tasche gezogen. Und dann begann ein Gleiten, gleichmäßig, wie in immer neu atemholendem Rhythmus; draußen flogen die letzten Häuser vorüber, und die ersten Bäume tauchten auf, verschwanden wieder; da war noch ein Fabrikschornstein in der Ferne, kam näher, näher, jetzt stand er fast vor dem Fenster — nun lag er schon weit zurück; eine Schar Krähen flatterte auf und zerstob; auf der Straße drüben trabte ein Pferd wie im Versuch des Wettlaufs, wurde im Nu überholt, wurde kleiner und immer kleiner, war nur noch ein schwarzer Punkt und nun nicht mehr zu sehen.

Weit vornübergebeugt saß Helene und spähte auf die ewig wechselnden Bilder, auf ihr Kommen und Gehen, ihr Auf- und Untertauchen, lauschte dem Klingen der Räder auf den Schienenstößen, fuhr zusammen, wenn der Pfiff der Lokomotive auftönte, wie ein greller Hilfeschrei, freute sich, sobald wieder eins der kleinen Bahnwärterhäuschen kam mit dem stramm stehenden Mann davor, der sein Fähnchen wie zum Salut in der Hand hielt, schrak auf, als gleich rasenden Gespensterwagen, donnernd und polternd, ein Zug auf dem Nebengeleise vorüberbrauste.

Ganz langsam nur beruhigten sich ihre Nerven, und es kam ein wundervolles Empfinden über sie wie in einem Traum: so also ging es aus der Enge in die Weite, in die große herrliche Welt da draußen. Eine Zaubergewalt trug sie hinaus, hinein in das Leben. Dort vorn fauchte, schnob der feurige Riese in ihrem Dienst, spannte seine Kräfte, daß sie gleich Hunderten von starken Rossen dahin jagten, nimmermüde, — der gewaltige Feuerriese, der sie hinaustrug, hinauf, weiter und weiter, höher und immer höher, hinaus in die Welt, hinauf zum Ruhm ...