Ein paar Male sah sie zu Bruder Wilhelm hinüber. Der saß in seiner Ecke, die Zigarre zwischen den Lippen, hatte sein Notizbuch vorgenommen; er mochte wohl wieder seine Geschäfte im Kopf haben. Da durfte sie nicht stören. Flüchtig glitt ihr Blick über die Mitreisenden. Wie gleichgültig die alle gegen das große Wunder waren! Der dicke Mann dort schlief; eine Dame drüben kramte gerade aus ihrer Reisetasche ein paar Butterbrote heraus, eine andere, jüngere, las in einem abgegriffenen Bande, schien schon bei den letzten Seiten zu sein, hatte einen zweiten Band bereits auf dem Schoß. Mit ihren scharfen Augen konnte Helene den Titel lesen. „Gutzkow, Der Zauberer von Rom“ stand darauf. Und dann saß neben ihr ein junger Mann, der auf einer großen Karte, die er auf den Knien ausgebreitet hielt, herumstudierte; deutlich konnte sie erkennen, daß sein Zeigefinger schwarzen, starken Linien folgte: Berlin-Köln-Paris. Also nach Paris reiste er. Wundersam, wie diese Eisenbahn die Länder aneinanderzurücken schien. Und wie schnell das ging. Helene fiel ein, daß Mutter gelegentlich erzählt hatte, wie sie mit ihren Eltern im eigenen Wagen nach Karlsbad gefahren sei; damals, als Goethe dort zur Kur war. Vier Tage hatte die Reise gewährt. Jetzt brauchte man vielleicht einen Tag ...
Plötzlich wurde ein unwiderstehliches Mitteilungsgefühl in ihr lebendig. Sie legte ihre Hand auf des Bruders Arm. „Wir fliegen ja —“ sagte sie fast beklommen.
Wilhelm ließ sein Notizbuch sinken und lachte: „Fliegen, Lene? Mit dem elenden Bummelzug? Ach nein. Soweit sind wir in unserem guten Preußen noch nicht. Aber in England —“ und er fing an, ihr vom englischen Eisenbahnwesen zu erzählen, von dem großen Jagdzug, der seit Jahresfrist dort Süd und Nord, London und Edinburg verband. Er erzählte von den Schnellzügen zwischen Paris und Marseille, sprach von Nordamerika. Überall schien er Bescheid zu wissen, und seine blauen Augen leuchteten dabei. „Ja, mein Kleinchen, wir leben in einer großen Zeit. Wir stehen aber erst im Anfang der Entwicklung. Wir sind vielleicht nur die Pioniere, die das Feld vorbereiten, die Saat aussäen, die unsere Kinder und Kindeskinder ernten sollen ...“
Er sprach lange und sprach gut. Alles verstand sie freilich nicht. Aber ihr Respekt vor dem Bruder wuchs. Nur daß sie dabei über ein leises Verwundern nicht hinauskam: zu Hause, in Rohlbeck, hatte Wilhelm oft fast etwas Gedrücktes. Es war, als fiele das mehr und mehr ab von ihm, je weiter er sich von der Heimat entfernte. Als atmete er freier, als wüchsen ihm die Gedanken. Aber schien sich nicht auch vor ihr die Welt zu weiten?
Die Dämmerung sank herab. Der Abend kam.
Als der Zug sich Berlin näherte, war es dunkel. Aus der Dunkelheit leuchteten, wie in einem neuen Wunder, blinkende Lichter auf. Vereinzelt erst, mehr und mehr dann; ganze Reihen schließlich. Als hätte die große Stadt sich Helene Hackentin zu Ehren in ein Lichtermeer getaucht. Überall flammte und glühte es. Aus den Fenstern, die vorüberhuschten, von den Straßenfronten herauf, und bunt und farbig, weiß, rot, grün aus den Weichenlaternen der rechts und links endlos wachsenden Schienengeleise. Bis der Zug in den Niederschlesisch-Märkischen Bahnhof einrollte.
Beängstigend dies Leben und Treiben, und doch wieder so wundervoll, so eigen berauschend. Die Scharen von Reisenden, die der Zug entlud, die hastend und drängend dem Ausgang zustrebten; die Gepäckträger, die sich durch die Menge schoben, die Karren mit Koffern und Ballen; ein Rufen, Schreien, Schwatzen, Fragen, Auskunftgeben, Willkommenheißen, Abschiednehmen ohne Ende. Dann auf einen Augenblick noch einen Gruß von Merivaux, im Vorüberschieben nur. Ein flüchtiges Wort zwischen Wilhelm und ihm: „Sind Sie mit demselben Zuge gekommen?“ — „Schade ... wir hätten zusammen fahren können.“ Schade — auch Helene dachte wieder flüchtig: ‚Schade —‘
„Schnell, Kleinchen — sonst bekommen wir keine Droschke!“
Und nun die Fahrt durch Berlin. Nahm denn das gar kein Ende? „Sind wir noch nicht bald da, Wilhelm?“
„Geduld, Lene. In Berlin muß man Geduld lernen.“