Immer neue Straßen, breite und enge, immer neue Häusermassen. Immer mächtiger und höher, immer heller beleuchtet, immer reicher die Schaufenster, immer stärker der Verkehr.

„Das ist der Dönhofsplatz, Lene. Sieh mal, das ist das Abgeordnetenhaus — da zerbrechen sich die angeblich Weisesten die Köpfe um das Wohl und Wehe des Landes. So — und nun kommt unsere gute ‚Stadt London‘.“

Der Oberkellner, ein pikfeiner Herr im Frack und weißer Weste, stand am Eingang und dienerte: „Die Zimmer sind bereit, Herr Baron. Nr. 34 für das gnädigste Fräulein.“ Die teppichbelegte Treppe ging’s hinauf, eins, zwei Stockwerke hoch, daß einem der Atem fast versagte. „Hier, Lene — vorläufig nimm vorlieb“, sagte Bruder Wilhelm. „Dein Koffer kommt sofort. Mach’ dich recht schnell ein bissel zurecht, wir essen nachher unten.“

Groß war das Zimmer Nr. 34 nicht, und schön war es auch nicht mit seiner schäbigen Hoteleleganz, dem schmalen Bett, dem kleinen Waschtisch und der Plüschgarnitur, an der die Quasten abgerissen waren. Aber Helene sah das alles nicht. Sie hatte nur einen Wunsch; ein paar Minuten ganz still und ruhig zu sitzen, dort auf dem Bettrand sich ein wenig sammeln zu dürfen, recht zum Bewußtsein zu kommen: du bist nun also wirklich in Berlin. Es war ja alles wie ein Traum.

Lange freilich ließ ihr Wilhelm nicht Zeit. Nach knapp einer Viertelstunde schon pochte er: „Bist du fertig?“ Gerade daß sie noch den Reisestaub abschütteln konnte, das Haar ein wenig glattstreichen. Als sie heraustrat auf den schmalen Korridor, der ihr endlos erschien, wie eine ganze Straße, musterte der Bruder sie. „Na, es mag angehen für heut abend“, sagte er ein wenig von oben herab, aber mit seinem sonnigsten Lächeln.

Dann saßen sie unten im Speisesaal, im strahlenden Licht der großen Gaskronen. Es war ja doch wohl Gaslicht, von dem sie schon so viel gehört hatte? Dies seltsam helle, eigen flackernde Licht, das von der Decke herableuchtete und aus vielarmigen Leuchtern an den weißen Wänden.

Wilhelm bestellte eine Flasche Champagner und suchte ihr in der riesengroßen Speisekarte ein paar Gerichte aus. Aber sie konnte kaum essen. Es war zu überwältigend — das alles. Der große Saal, in Licht getaucht, die vielen Menschen an den Tischen, das Schwatzen und Lachen der Gäste, die hin und her gleitenden Kellner.

„Prosit, Kleinchen. Was machst du denn für Augen? Fast, als ob du ins Paradies schautest. Ach Kind, gewöhn’ dir das ab. Es ist nicht gut, wenn man sich verwundert zeigt, und mit dem Wasser wird schließlich auch in Berlin gekocht. Da ... trink nur ...“

Und sie trank. Wie Feuer strömte es durch die Adern, stark und süß.

„Ach ... Wilhelm ... lieber Wilhelm ...“