„Ja doch, du kleines Provinzschäfchen. Es ist schon anders wie in Rohlbeck. Was? Aber ob’s immer besser ist? Na, darüber wollen wir uns heut den Kopf nicht zerbrechen. Freuen wir uns der Stunde.“ Er nahm von der Fruchtschale ein paar Rosinen, warf sie in ihren Spitzkelch. „Siehst du, wie das perlt und perlt, wie der Schaum gleich wieder aufsteigt. So ist Berlin. Hier perlt das Leben immer aufs neue hoch, schäumt und schäumt. Trink aus, Lene, trink aus, ehe der Schaum verfliegt.“
Es war wohl spät, als sie die Treppen wieder hinaufstiegen, eins, zwei hohe, steile Treppen. „Wir wohnen dem Himmel nahe, Lene“, scherzte der Bruder. „Schlaf wohl und träume etwas Schönes. Man sagt ja: was man in der ersten Nacht in einem fremden Hause träumt, geht unweigerlich in Erfüllung.“
Die Augen wollten ihr zufallen vor Ermüdung. Aber der Schlaf wollte nicht kommen. Lange, lange nicht. Von der Straße herauf drang es wie ein unaufhörliches Tosen. Wagenrollen auf hartem Pflaster, Hunderte von Menschenstimmen, ebbend jetzt, wieder anschwellend dann.
Aus all dem Hasten dort unten stieg ihr ein Bild der großen Stadt empor, unklar und verworren, wie ein Kind es sich in Gedanken formt und aufbaut. Ein Labyrinth war’s schließlich mit tausend Wegen, die von himmelhohen Wänden eng umschlossen wurden, und sie lief und lief in ihnen umher, ohne ihr Ziel zu finden, immer schneller und immer hastender, stieß mit den Händen überall auf die kalten, öden, eisenharten Steinmauern, wußte nicht ein noch aus ...
Da kam einer, hatte eine hohe Pelzmütze auf, an der ein glitzernder Edelstein funkelte, nahm sie an der Hand, wollte sie führen. „Wir finden schon den Ausweg, Helene Hackentin“, sagte er mit seiner einschmeichelnden Stimme. „Ganz gewiß, wir finden ihn.“ Aber sie hasteten beide weiter und weiter, und immer wieder trafen sie aufs neue himmelhohe, kalte, öde Steinwände, aus denen es keinen Ausweg gab.
Dann war sie, mit einem Male, in der kleinen Kirche von Rohlbeck. Die Orgel klang dünn, wie immer. Der alte Heckstein verließ eben die Kanzel; sie saß im Herrschaftsgestühl, links die Mama und rechts der Vater; auch Martha war da, mit ihrem lieben, glatten, ruhigen Gesicht, das ein wenig traurig aussah. Wilhelm war ja wieder in Berlin. „Das heißt,“ sagte Vater, „Heckstein hat heut schön gepredigt.“ „Nein, Papachen,“ gab Mama zurück, „er hat wieder einmal einen alten Bock geschlachtet.“ „Wenn schon,“ meinte der Vater darauf, „die Hauptsache ist, daß wir unser Kind wiederhaben.“ Und da setzte Kantor Flehr mit dem Schlußgesang ein.
‚Natürlich, du träumst das alles —‘ sagte sich Helene dabei. ‚Träumst es und bist doch eigentlich ganz wach. Hörst ja den Lärm von der Straße und das Laufen auf der Treppe und das Zuschlagen der Türen. Merkwürdig ist das. Aber es ist so schön, dies Träumen. Gerade das letzte, das von Rohlbeck. Und eigentlich hast du heut, den ganzen Tag, noch nicht einmal an Rohlbeck gedacht. An unser liebes altes Rohlbeck — und an Vater und Mutter ...‘
Da faltete sie die Hände. Sie wollte wohl eines ihrer alten Kindergebete vor sich hersagen. Aber sie kam nicht dazu. Mit einem müden, frohen Lächeln schlief sie ein.
Fünftes Kapitel
Am nächsten Morgen brachte Wilhelm ein kleines Billett mit an den Frühstückstisch, hielt es der Schwester hin, daß sie gerade nur die Handschrift auf der Adreßseite sehen konnte, und fragte scherzend: „Rate! Von wem?“