Helene hatte prächtig geschlafen und war in rosigster Laune. „Vom Kaiser von Rußland!“ gab sie lachend zurück.
„Nicht ganz, aber beinahe. Von einem gewissen kaiserlich russischen Hofopernsänger wenigstens.“
Er wartete wohl, daß sie heftig zugreifen würde. Doch er irrte. Ihre Hand hob sich zwar, sank aber gleich wieder zurück, und sie machte sich eifrig an ihrem Milchbrot zu tun. Daß ihre Hand dabei ein wenig zitterte, bemerkte er nicht, fragte nur wieder: „Bist du denn gar nicht neugierig?“
„Du wirst mir ja schon sagen, was Herr Schwarz dir geschrieben hat.“
„Sehr richtig bemerkt, Lene. Also laß mal dein Brötchen ruhen ... ist übrigens famos, das Berliner Gebäck, nicht wahr? Anders als die Wassersemmeln, die die Semmelmuhme von Lagow im Tragkorb bringt?“
„Sehr fein ist’s. Also ...“
„Ja, also. Herr Schwarz scheint wirklich einer der liebenswürdigsten Tenore des neunzehnten Jahrhunderts. Er schreibt mir: ‚Sehr verehrter Herr von Hackentin! Gestern hatte ich Gelegenheit, Madame Harriers-Wippern zu sprechen. Sie ist erfreut über die Mitteilungen, die ich ihr machen konnte, und gern bereit, das gnädige Fräulein zu prüfen. Da ich nach unserer Verabredung annehme, daß Sie gestern angekommen sind, habe ich Sie gleich für heut mittag 12½ Uhr angesagt. Meine gehorsamsten Empfehlungen an Fräulein Schwester und die Bitte, daß das gnädige Fräulein sich nicht wegen des Probesingens Sorge macht. Das könnte nur schaden und ist auch total unnötig: ich weiß, was ich gesagt habe, und übernehme jede Garantie. Hochachtungsvollst‘ und so weiter und so weiter ...“
Wilhelm faltete den Brief wieder zusammen: „Hoffentlich bist du gut disponiert, Helene ...“
Er bekam nicht gleich Antwort. Aber diesmal konnte Helene ihre Erregung nicht verbergen. Das Blut strömte ihr ins Gesicht, kam und ging. Das Messerchen, das sie noch in der Hand hielt, klirrte gegen den Teller.
„Aber Helene!“ Er schüttelte den Kopf. „Bist doch sonst solch tapferes Mädel. Du wirst doch singen?“