Sie fand noch immer kein Wort. Es wirbelte in ihrem Kopf. Sie wollte lachen und sagen: ‚Natürlich werd ich singen. Gut werd ich singen. Was denkst du denn eigentlich?!‘, aber ihr war es, als könnte sie nicht einen Ton herausbringen.
Dann streckte sie endlich, immer noch schweigend, die Hand hin. Er gab ihr den Brief. Sie überlas einmal, zweimal die etwas flüchtigen Zeilen. Mechanisch zuerst, wie um Zeit zu gewinnen. Dann aufmerksamer, Wort für Wort. Dabei wurde sie ruhiger. Sie rückte gleichsam von der Probe auf ihr Können ab. Aber zugleich kam eine andere Überlegung: ‚Daß Herr Schwarz so großes Interesse an dir nimmt!‘ Es hatte etwas Peinliches für sie, es hatte zugleich etwas Wohltuendes. Es verdroß sie, setzte sie in Verlegenheit — und doch freute sie sich darüber. Und daß es sie freute, verdroß sie wieder. Dabei fühlte sie aufs neue das seltsame Prickeln in ihren Adern, das sie neulich abends in Rackow empfunden hatte, als er sich über sie beugte und ihr leise zuflüsterte mit seiner weichen, einschmeichelnden Stimme: „Sie wissen doch, daß ich nur für Sie gesungen habe!“ Sie dachte: ‚Heut also wirst du ihn wiedersehn‘, und indem sie das dachte, sah sie im Geiste schon sein schmales feines Gesicht vor sich und seine Augen auf sich gerichtet.
Wilhelm wurde ungeduldig. So raffte sie sich auf, mit einem jähen Entschluß: „Ich möchte aber nicht, daß Herr Schwarz bei Frau Harriers-Wippern ist, wenn ich singen soll —“
„Ja ... gib mir doch noch mal den Brief. Er schreibt ja gar nichts davon ...“
„Er ... er wird doch dabei sein ...“
„Und wenn er’s ist, stört dich das?“
„Ja ... es stört mich.“
Der Bruder drehte den Brief in den Händen herum. „Nimm es mir nicht übel, Helene, das ist ein bissel kindisch“, sagte er ärgerlich. „Ist eigentlich auch undankbar. Ich kann dem Mann doch nicht schreiben: ‚meine Schwester wünscht Ihre Gegenwart nicht‘. Übrigens weiß ich nicht einmal seine Adresse.“
„Doch! Die steht ja auf dem Bogen. Hotel de Rome.“
„So. Richtig. Der Herr Hofopernsänger wohnt etwas vornehmer als wir. Ja ... aber was soll ich ihm denn schreiben?“