Martha war aufgestanden. Sie setzte die große Schüssel auf den eichenen Tisch. Nun siegte der Unwille doch über ihre Gelassenheit. „Du bist ein rechtes Kind, Helene“, sagte sie ziemlich scharf. „Schäm’ dich, unsere liebe Scholle zu schelten. Die ist treu, wenn sie auch karg sein mag. Und wir müssen Treue um Treue vergelten. Geh hinüber auf den Kirchhof, schau’ dir die alten Gräber an. Da liegen deine Vorfahren, Reihe um Reihe, seit dreihundert Jahren. Seit dreihundert Jahren hat das gegolten: Treue um Treue. Daß dir das die Städterin sagen muß, dir, Helene! Schäme dich!“

Eine Sekunde stand Helene noch im Trotz. Dann flog sie der Schwägerin jäh um den Hals und küßte sie rechts und links auf die Wangen. „Du Gute! Du Liebe! Du Allerbeste ...“

Da trat gerade der alte Herr aus der Haustür, und als er seinen Spätling und die Schwiegertochter in der engen Umarmung sah, lachte er froh: „So hab’ ich euch gern. Das heißt“ — er legte den gekrümmten rechten Zeigefinger um den Nasenrücken — „das heißt ... die Überschwenglichkeit stammt natürlich von der Helene. Hat sie von der guten Mama. Die war auch so ... gleich aus dem Häuschen ... das heißt, damals, als wir noch jung waren. Lieber Gott ... ja ... und ist das heut nicht ein schöner Septemberabend?“

Das letzte sagte er schon, sich umwendend, auf der Mitte der tief ausgetretenen Treppenstufen, die von der Veranda in den Garten hinabführten. Und ohne eine Antwort abzuwarten, schritt er weiter hinunter, den breiten sandigen Fahrweg entlang, der, von sonnverbrannten kümmerlichen Rasenbeeten umsäumt, am Tore in den Dorfanger mündete.

Es war die Stunde, zu der er sich seit Jahrzehnten, Sommer und Winter, dort am Torweg mit dem Pastor loci traf. Das Wetter mußte schon sehr schlecht sein, wenn der alte Rittmeister und Pastor Heckstein ihr Rendezvous in die große Stube des Schlosses, wie das herrschaftliche Haus trotz aller Einfachheit von alters her genannt wurde, oder in das verräucherte Studierzimmer des Pfarrhauses verlegten. Wetterfeste Greise, die sie waren. Dem Rittmeister verschlug’s nichts, mit seinen fast siebzig Jahren bei strengster Kälte ein paar Kesseltreiben mitzumachen, und Heckstein, der nur wenige Jahre jünger war, fuhr im Winter regelmäßig im offenen Wägelchen ohne Pelz nach seinen beiden Filialdörfern, Dommelt und Rackow, stand im dünnen Talar in der ungeheizten Kirche auf der Kanzel und lachte nachher vor der Kirchtür seinen anderen Freund und Patron Ernst Hackentin aus, wenn der schimpfend die gewaltige Kugel seines Korpus in kostbaren Zobelpelz aus dem gutsherrlichen Gestühl herausrollte.

Auch heut kam er pünktlich des Wegs vom Pfarrhause her, der kleine hagere Mann im schwarzen Düffelrock mit dem schwarzen breitkrämpigen weichen Filzhut über dem scharfkantigen bartlosen Gesicht, aus dessen brauner Lederhaut die großen Augen hell und gutmütig, aber auch eigen lustig und listig herausleuchteten. Er stapfte mit gemächlichen Schritten, hob hier seinen dicken Knotenstock drollig drohend gegen den halbwüchsigen Christian Metzger, der in der letzten Konfirmandenstunde gedöst haben mochte und nun schleunigst Reißaus nahm; blieb dort stehen, um einer Gänseherde, die in wohlgeordneter Marschordnung über den Anger zog, wohlgefällig nachzuschauen, und fragte die Frau Kantorin, die am Zaun stand, wie ihre berühmten Gravensteiner heuer zu geraten versprächen. Da gerade die hübsche Anna Flehr, die Kantorstochter, am selbigen Zaun Maulaffen feilhielt, so kniff er ihr im Vorübergehen fest in die runde, rosige Backe. Für ein hübsches Menschenkind hatte er das gleiche Verständnis wie für einen guten Apfel, wobei ihm aber ein frisches Mädel lieber war als ein Bube und ein duftender Gravensteiner lieber als eine schrumpliche Reinette.

Vor ihm her trottelte Waldmann, rastete, machte einen Bogen, lief wieder ein Stückchen voraus, kam zurück, schlenkerte mit dem langen Behang — kurz, benahm sich höchst willkürlich. Ganz im Gegensatz zur Diana, die haarscharf hinter dem linken Fuß ihres gestrengen Herrn blieb, mit der feinen Nase dicht an dessen grauem Beinkleid. Und die grundsätzlich nie von dem pastoralen Dackel Notiz nahm.

Schon von weitem grüßten sich die beiden alten Herren. Der Rittmeister hob militärisch zwei Finger an sein Käppchen; der Pastor berührte flüchtig die Hutkrempe.

„N’Abend, Hackentin. Wie geht’s? Wie steht’s?“

„N’Abend, Pastor. Alles gut zu Wege bei dir?“