Sie nannten sich seit achtunddreißig Jahren du; seit Heckstein den Wilhelm getauft hatte. Mit dem stand er nun auch schon zwölf Jahre auf du und du, seit dem Tauftage seines Ältesten. Und dem hatte Heckstein neulich mit einem freundschaftlichen Jagdhieb eröffnet: „Na, Junker Hans, wenn ich deinen Erstgeborenen taufe, machen wir beide Brüderschaft. Sput’ dich nur ’n bissel, daß ich nicht zu lange warten brauch’.“
Ein paar Augenblicke blieben die alten Freunde zwischen den Pfosten des Torwegs stehen, zwei vierkantig behauenen, schwarzgeteerten Eichenstämmen, jeder mit einer Vollkugel gekrönt, die gelegentlich auf der Feldmark gefunden worden waren; Kantor Flehr, der ein Bücherwurm war, hatte damals eine gelehrte Untersuchung angestellt, nach der sie russischer Providenz sein sollten und aus den Julitagen 1759 stammten, in denen General Wedel sich vor Soltykow über die Oder zurückziehen mußte.
Der Pastor sah auf die frische Radspur. „Die Rackower waren hier. Wie waren sie denn, Hackentin?“
„Ernst ist noch ’n bissel dicker geworden, denk’ ich. Das heißt — wenn’s möglich ist. Mariechen war herablassend wie immer, ganz Marquise, hatte ein Monstrum von Krinoline an, ein Kleid mit verrückt vielen Volants und dazu einen neuen Sonnenschirm, blaue Seide mit Spitzen, der wohl wieder die Weiber auf zehn Meilen im Umkreis verdreht machen wird. Das heißt — sie nannte das Ding natürlich nicht Schirm, sondern ombrelle. Auf der Rechnung nimmt sich das übrigens tout-egal aus, und bezahlt wird die doch sobald nicht.“
Sie zwinkerten sich, verständnisvoll lächelnd, mit den Augen zu und bogen in die Allee von hochstämmigen Kastanien ein, die sich längs des Gartenzauns hinzog. Langsam, behaglich schritten sie nebeneinander her; Diana immer mit der Nasenspitze am linken Bein des Rittmeisters, Waldmann bald voraus, bald zurück, bald stehen bleibend und die schlanke Engländerin mit klugen Augen, halb neidisch, halb mißachtungsvoll anschauend.
„Ja, und Ernst hat eine neue Delikatesse erfunden. Crêpes à la Suzette, glaub’ ich, nennt er das Deubelszeug. Das heißt — es sind Eierkuchen mit irgend ’ner Soße aus Likören, wenn ich recht verstanden hab’. Du kannst dir ja das Rezept von ihm geben lassen. Die Pastorin wird sich schon darauf verstehen.“
„Nee, Hackentin. Ich bleibe bei Speckeierkuchen. Wenn’s dazu langt, will ich schon froh sein. Denn was so unsere Bauern sind — du kennst sie ja — wenn die uns die Eier abliefern, wundert sich meine Guste immer, daß Hühner überhaupt so kleine Eier legen können. Was hat Ernst denn sonst noch erzählt?“
Der alte Rittmeister schnellte mit dem Fuß ein Steinchen zur Seite. „Sie sind auf der Durchreise von Ems ein paar Tage in Berlin gewesen, haben auch Wilhelm gesprochen, der wieder mal große Rosinen im Kopf haben soll. Das heißt — von wegen der Eisenbahnkonzession — du weißt ja. Die Rosinen kenne ich nachgerade, aber den Kuchen, in dem sie gebacken werden sollen, den werd’ ich wohl nicht erleben. Na, ich will mich nicht ärgern. Was Ernst sonst erzählte? Politik, Politik und nochmal Politik. Unser herrlicher Landtag — daß ihn der Deibel hole — treibt sein Spielchen weiter, Hohenlohe macht Bücklinge, und Majestät können zusehen, ob schließlich ’n paar Kröten von der Kammer bewilligt werden. Das heißt — wahrscheinlich nicht mal das. Schlechte Zeiten, Heckstein ... hundsmiserable Zeiten. Ein altes Preußenherz möcht’ sich am liebsten umdrehen bei dem Skandal.“
Oft zitierte der Pastor nicht Bibelworte. Die sparte er sich für den Sonntag auf. Aber manchmal glitt ihm doch eins über die Lippen. „Hoffnung läßt nicht zuschanden werden“, meinte er.
„Jawohl, Heckstein, ich weiß. Steht Römer fünf. Aber im Hiob steht auch: der Menschen Hoffnung ist verloren. Siehst du ... so steht’s um meine Hoffnung. Das heißt — um die Armee geht’s, und wenn unser Allergnädigster Herr nur wollte! Bloß dem Wrangel ’nen Wink geben, und der fegte wie Anno achtundvierzig den ganzen liberalen Schwindel zum Tempel raus. Gegen Demokraten helfen nur Soldaten. So aber frißt das Geschwür weiter ... bis in unsere eigenen Familien hinein!“