Einen schmalen Verkaufsraum gab’s dort und dahinter ein einziges Zimmerchen mit vier Tischchen. Ein verschossener brauner Plüschvorhang trennte beide Räume. Vorn saß hinter dem Ladentisch ein verrunzeltes Fräuleinchen, immer tief über einen Leihbibliotheksband gebeugt. „Versteinert, wie ihre Kuchen,“ meinte Alfred. Im Gastzimmer waren sie stets allein. Es kam wohl vor, daß die dünne Türklingel ging und Helene aufschrecken ließ. Aber es war dann immer nur irgendein Dienstbote, der etwas holte: ein Dutzend Pfannkuchen, ein paar Spritzkuchen, ein paar Windbeutel.
Manchmal gab’s Anlaß zu einem Scherz. „Hörst du, Helene, Baisers! Baisers! Komm — komm, kleine süße Konditorin ...“
Zuerst hatten sie sich gegenüber gesessen an einem runden Tische mit fleckiger Marmorplatte. Aber es gab da an der Wand ein uraltes Sofa. Zu dem hatte er sie in einer Dämmerungsstunde geführt.
Ach, diese glückseligen Dämmerungsstunden, in denen sie sich am ehesten fortstehlen konnte. Tante las dann, und Harro saß über seinen dreimal gesegneten Schulaufgaben.
Fräulein Minna — sie wußten schon, daß das Kuchenfräulein Minna hieß — kam jedesmal hereingetrippelt, wollte auf einen Stuhl steigen, um die eine Gasflamme anzuzünden.
„Aber Fräulein Minna, Sie Verschwenderin! Es ist ja noch ganz hell!“ rief Fred empört. Und sie trippelte wieder fort, mit einem verständnisvollen Lächeln, trippelte zu ihrem Leihbibliotheksbande, in dem gewiß immer unendlich viel Liebe vorkam.
Der ganze Raum war erfüllt von einem süßen Duft. Zuerst hatte der Helene angewidert. Nun wußte sie nichts mehr davon. So wenig wie davon, ob das Stückchen Kuchen, das sie pflichtschuldigst zerkrümelte, altbacken war oder nicht.
O diese Dämmerungsstunden im Schutze des alten, lieben braunen Plüschvorhangs, auf dem tiefeingesessenen Sofa, wo sie zuerst allein gesessen hatte — und nun mit ihm saß. Eng aneinandergeschmiegt, plaudernd, raunend, flüsternd, Hand in Hand, wo sie träumten, sich Zukunftsschlösser bauten ...
Eifrig bauten sie jetzt Zukunftsschlösser. Er wußte, daß sie ein armes Mädchen war, arm wie eine märkische Kirchenmaus. Nichts brachte sie ihm als ihre Liebe, ihre große Liebe. Aber dafür hatten ja beide ihre Kunst. Ein Jahr noch, und sie möchte hinaustreten können auf die Bretter, die die Welt bedeuten. Ihre neue Welt! Ihr stand es nun fest, auch sie ging zur Bühne. Der Widerstand der Eltern würde schon zu besiegen sein. Daran zweifelten beide nicht. Zweifel? Es gab für sie überhaupt keine Zweifel: hell, sonnig lag die Zukunft vor ihnen.
Ein Jahr noch! Was war ein Jahr?! Wo jeder Tag, von einem Sehen zum andern, für Helene verrauschte wie ein Augenblick.