In der kleinen Konditorei feierten sie auch ihr Weihnachten miteinander.
Helene hatte nach Rohlbeck kommen sollen. Aber als Wilhelm sich wenige Tage vor dem Fest einfand, um alles zu verabreden, hatte sie ein Tuch um den Hals und klagte. Nein, bei dieser eisigen Kälte durfte sie ihre Stimme der Gefahr nicht aussetzen. Es ging wirklich nicht, Wilhelm sah das selber ein, auch Tante Oschitz riet ab. Schade ... die Eltern werden’s schmerzlich empfinden. Jawohl ... aber auch sie werden’s einsehen. Und Geld hätte es auch gekostet ... alles kostete so viel Geld, und Vater hatte erst vor kurzem geschrieben, mit den Kartoffelpreisen sei’s jammervoll, „das heißt, liebe Lene, du brauchst dir darüber keine Kopfschmerzen zu machen“.
Als Bruder Wilhelm gegangen war, huschte Helene treppauf in ihr Zimmer, lachte wie ein Schulmädchen, das die französische Stunde geschwänzt hat, und kramte ganz unten aus dem Kommodenkasten die kleine Perlenstickerei heraus, an der sie so glückselig heimlich arbeitete, bei jeder Perle einen Wunsch für ihn hineinflechtend, ein ‚Sei glücklich! Behalt mich lieb!‘
Tante Marianne hatte eine große Weihnachten. Sie bescherte vielen armen Kindern, meist aus dem Osten Berlins, wo dem Pastor Müller jüngst von seiner Gemeinde ein eignes Kapellchen gebaut worden war.
Aber sie hatte auch Helene nicht vergessen. Unmittelbar neben Harros Aufbau stand ihr Gabentisch. Da lagen die Briefe und kleinen Geschenke aus Rohlbeck und von der Tante ein Pelzmuff und ein Buch mit Goldtitel und Goldschnitt: „Amaranth“ war’s, von Oskar von Redwitz. Daneben lag noch ein kleines Bändchen: „Neue Gedichte“ von Emanuel Geibel. Sie blätterte mit ungeduldiger Hand darin. Auf der ersten Seite stand in Harros steifer Handschrift: „Seiner lieben Kusine“ ... Als sie flüchtig aufsah ihm einen Dank zuzuwinken, sah sie, daß er seinen Aufbau noch gar nicht beachtet hatte, daß seine Augen nicht von ihr ließen —
Der gute dumme Junge! Wenn er wüßte, wenn er wüßte ...! Aber es tat ihr doch leid, daß sie so gar nicht an ihn gedacht hatte. An wen hatte sie denn überhaupt gedacht in all den letzten Wochen, als nur an den einen, den einen!
Tante Marianne stand inmitten der Kinder, die scheu und verlegen ihre wollenen Jacken und Strümpfe, ihre Pfefferkuchen, Äpfel und Nüsse beschauten. Für jedes hatte Tante Marianne ein gütiges Wort.
Jetzt war es an der Zeit —
Helene huschte hinüber, zu dem großen Weihnachtsbaum, dankte, küßte die Hand: „Ich gehe nur auf ein paar Minuten zu Frau Harriers-Wippern.“
‚Wie ich schon lügen kann,‘ fand sie selber und freute sich darüber. Lachen hätte sie mögen.