„Unter keinen Umständen, Harro. Laß nur, ich bitt’ dich!“
Der Boden brannte ihr unter den Füßen. Wie nur den dummen, lieben, eifersüchtigen Jungen beruhigen, beseitigen?
„Ich danke dir auch vielmals für das schöne Buch, Harro. Geibels Gedichte hatt’ ich mir schon lange gewünscht. Wie gut du das getroffen hast.“
Er stand noch immer.
Da kam ihr ein toller Einfall.
Sie packte plötzlich den Kopf des Jungen mit beiden Händen und küßte ihn: „Dank, Harro!“ und noch einmal „Dank! Dank!“ Küßte ihn auf die zuckenden Lippen. Derb und herzlich. Und dann ließ sie ihn stehen, rannte zur Tür, rannte durch den Vorgarten, jagte die stille, menschenleere Straße entlang. Immer vor sich hin lachend. Ein Küßchen in Ehren ... da hatte sie einen Glücklichen gemacht, recht zum schönen Weihnachtsfeste. Ein Küßchen in Ehren ... weiß Gott in Ehren, denn solch Kuß zwischen Vetter und Kusine war ja nicht viel anders als zwischen Geschwistern ... aber was der Junge für Augen gemacht hatte!
Das Lachen noch auf den Lippen, die Wangen vom schnellen Lauf in der kalten Luft gerötet, so kam sie in die Konditorei, nickte dem alten Fräulein zu, hob den Plüschvorhang — und wäre fast in ein lautes Jubeln ausgebrochen. Denn da stand Fred, hatte eine richtige kleine Weihnachtspyramide vor und zündete die gelben Wachslichterchen an. Gerade nur zwei Spannen hoch war das Gestellchen, streckte seine acht gradlinigen grünen Arme steif von sich, vier größere unten, vier kleinere oben; auf der Spitze aber turnte ein goldenes Engelchen.
Sie flog auf den Geliebten zu, sie flog ihm an den Hals:
„Ach du ... du ... das hast du für mich ...?“
„Selbst auf dem Weihnachtsmarkt vor dem Schloß gekauft und höchsteigenhändig hertransportiert. Gibt’s etwas Lieberes, Scheußlicheres als solch eine Berliner Pyramide?“