Und dann saßen sie nebeneinander auf dem Sofa, und erst mußte er die Augen zumachen, „aber fest, ganz fest“, und sie baute ihm unter der Pyramide den kleinen Tabaksbeutel auf, in dessen Perlenstickerei sie so unzählige gute Wünsche hineingearbeitet hatte. Und darauf hielt er ihr mit der Linken die Augen zu und kramte aus der Tasche heraus. Eine Brosche war’s mit gelben geschliffenen Topasen, zierlich in Goldfiligran gefaßt, ein rotes Juchtentäschchen für Visitenkarten, ein Fläschchen Violet de Parme. Und nun ging’s ans Sehen und Bewundern und Bedanken. Mit den kleinen Punschgläsern, die Fräulein Minna hereingebracht, stießen sie an; ein Schüsselchen mit süßem geriebenem Mohn stand daneben, dem Berliner Weihnachtsessen; davon steckte Helene ihm einen Löffel voll in den Mund und wollte sich totlachen, als er sich entsetzt schüttelte.
Mit einem Male klang ein Klavier, dünn und fein, aber ganz deutlich. Es mußte wohl oben, über der Konditorei, beschert werden: „Stille Nacht ... heilige Nacht ...“
Und da begann Helene mitzusingen. Ganz leise zuerst. Dann stimmte er ein, und nun sangen sie beide, laut und voll und jubelnd.
Sie merkten es gar nicht: der Plüschvorhang hob sich verstohlen, zwischen den braunen Falten schob sich das alte verrunzelte Gesicht von Fräulein Minna hindurch. Ganz still stand sie, andachtsvoll lauschend, mit verklärter Miene.
„Stille Nacht, heilige Nacht,
Alles schläft, einsam wacht
Nur das traute, hochheilige Paar.
Holder Knabe im lockigen Haar —
Schlaf in himmlischer Ruh —“
Der Gesang verhallte. Sie sahen sich an mit leuchtenden Augen und wußten beide, daß sie noch nie, nie so schön gesungen hatten, nie schöner singen würden, als eben.