Langsam glitten die Falten des braunen Vorhangs wieder zusammen.
„War das schön! War das schön!“ hauchte Helene. Und er küßte ihr die Tränen aus den Augen.
Eine ganze Weile saßen sie still. Die winzigen gelben Wachslichterchen brannten herunter. Weihnachtsduft zog durch den Raum. Nun erlosch das letzte Licht —
Da stand Helene auf. „Ich muß fort“, sprach sie leise und gepreßt. Es wurde ihr so schwer, so schwer.
„Bleib doch noch!“ bat er. „Bleib doch —“
Aber sie schüttelte den Kopf, faßte noch einmal seine beiden Hände: „Dank ... Dank für diese Stunde!“ Noch einmal umarmte sie ihn.
Draußen an dem Kuchentisch mit den vielen Glasglocken und Flaschen stand Fräulein Minna. Sie knixte tief, als Helene vorüberkam: „Wie wunderschön haben die Herrschaften gesungen. Unser Domchor kann’s nicht schöner.“
Sie hörte es nicht. Es war wie ein großer Rückschlag auf all die Freude und Seligkeit in ihr, eine herzbeklemmende Angst: Harros Augen standen vor ihrer Seele. Diese hellen Knabenaugen, die sie wie entgeistert angeschaut hatten.
Und auf dem kurzen Weg nach Hause überschlich sie noch ein anderes Gefühl, zum erstenmal: die Scheu vor der Lüge. Bisher hatte die Heimlichkeit täglich neuen Reiz für sie gehabt, plötzlich, jäh, erschrak sie vor ihr. Weshalb jetzt, plötzlich — sie wußte es nicht. Vielleicht taten auch das die hellen Knabenaugen.
Die Straße entlang hastete sie, aber als sie in den Vorgarten kam, wurden ihre Schritte langsamer und langsamer. Noch nie war ihr der Mut gesunken, jetzt lähmte eine dumpfe Zaghaftigkeit ihr die Glieder. Und trotzdem wiederholte sie sich immer wieder: ‚es war doch so schön ... es war doch so schön‘ — und hätte weinen mögen.