Der große Tannenbaum war schon erloschen. Tante Oschitz saß ermüdet in einem Lehnstuhl am Ofen, fragte nur flüchtig: „War’s schön?“ Ganz seltsam klang das Helene. Sie nickte stumm. Dann sah sie verstohlen auf Harro. Der saß an seinem Gabentisch, den Kopf ganz tief über ein Buch gebeugt. Leseratte, die er war. Es wurde Helene leichter ums Herz. Vielleicht — vielleicht hatte sie sich doch getäuscht. Er machte einen so kindlichen Eindruck, wie er dasaß, die Hände an den Schläfen, die Finger in das dichte blonde Haar gewühlt, versunken in sein Geschenkbuch. Nicht einmal aufgeblickt hatte er bei ihrem Kommen.
Dann meldete auch schon der alte Diener, daß angerichtet wäre. Tante Marianne stand auf: „Kommt Kinder!“ Wie Harro nun den Kopf hob, da sah Helene die flammende Röte auf seiner Stirn, auf seinen Wangen und empfand, daß er ihren Blicken auswich. Und als er dann am zierlich gedeckten kleinen Tisch das Gebet sprechen sollte, wie alle Tage, da kamen die gewohnten Worte eigen zerstückt von seinen Lippen. Er sprach wie ein Träumender. So daß die Mutter sagte: „Aber Harro! Was hast du denn? Es ist ja wirklich, als ob du unseren Herrn Jesu über deinem neuen Band Grube vergessen könntest. Schäme dich!“
Er schrak zusammen. Aber es war wie ein Trotz in ihm. Kein Wort der Entschuldigung sprach er, setzte sich, steckte sich mit seinen raschen knabenhaften Bewegungen die Serviette zurecht; immer ohne aufzusehen. Und die Bierkarpfen, von denen er gestern im voraus geschwärmt, rührte er kaum an.
Recht schweigsam verlief das kleine Mahl. Eigentlich sprach nur Tante: von dem Jubel der Kinder vorhin, von der Freude des Schenkens, von der Weihe dieses Abends. Nur mit halber Aufmerksamkeit folgte Helene. Ihre Gedanken wanderten. Aber einmal schrak sie auf, wie aus einem Traum. Tante Marianne erzählte, daß man im Palais, als sie noch Hofdame gewesen, neben den Tannenbäumen stets auch eine der alten Berliner Weihnachtspyramiden gehabt hätte ... „Du hast sicher solch ein Ding noch nie gesehen, Helene, solch eine Pyramide mit den steifen, gerade abstehenden Armen ...“
Bald nach Tisch brachte der Diener die Leuchter hinein, stellte sie auf den Tisch an der Tür, die Porzellankästchen mit den Schwefelhölzern daneben und auf jeden Leuchter die Lichtputzschere. Wie an jedem Abend. „Der gnädigen Herrschaft wünsche ich gute Nacht“, sagte er leise, wie immer. Das war wie an jedem Abend das Zeichen zum Aufbruch. Tante Marianne glitt, langsam und geräuschlos, zu dem Tisch an der Tür hinüber, zündete umständlich die drei Kerzenstümpfe an. „Gute Nacht, Kinder.“ Dann küßte sie den Sohn, legte auf einen Augenblick ihre Rechte in die Helenes, die sich tief über die kühle Matronenhand neigte. Und wie an jedem Abend stiegen die beiden gemeinsam die Treppe hinauf.
Das war sonst oft, fast immer unter halblautem Lachen und Scherzen geschehen, und manchmal hatten sie, zumal in der ersten Zeit, noch ein paar Minuten auf der großen Truhe oben im Flur gesessen und geplaudert.
Heut ging Harro stumm neben Helene her. So stumm — das Herz wurde ihr schwer und schwerer. ‚Wenn ich nur erst in meinem Zimmer wäre,‘ dachte sie beklommen.
Nun war sie oben.
„Gute Nacht, Harro“, sagte sie rasch. „Schlaf wohl!“ und reichte ihm die Hand hin.
Da griff er, mit einem Ruck des Armes, zu, sah sie zum erstenmal heute abend an. Mit einem eigenen Blick, nicht mehr versteint, sondern forschend, vorwurfsvoll. Das Helle, Kindliche schien in den blauen Augen erloschen, ein dunkles, wissendes Leuchten war darin. Seine Hand bebte, wie sie so die ihre umfaßte. Um seine Lippen zuckte es. Plötzlich, ehe sie es hindern konnte, hatte er ihr die Hand geküßt. Sie fühlte eine schwere Träne auf dem Gelenk. Und dann lief er auch schon, wortlos, den Flur hinunter, seinem Zimmer zu.