Siebentes Kapitel
Zwischen Weihnacht und Neujahr war Alfred verreist. Er gastierte in Frankfurt am Main, und seine Abwesenheit dehnte sich bis Anfang Januar aus, länger, als er Helene gesagt hatte. Es war eine öde, trübe Zeit für sie, zumal auch Frau Harriers-Wippern Ferien hielt. Die Stunden schlichen dahin und die Tage, und Helene kam in ein Grübeln hinein, das ihrem Wesen sonst ganz fremd war. Wie auf Wolken war sie gewandelt in all den letzten Wochen, wie in einem Rausch. Nun dünkte sie alles um sie her so nüchtern, so leer, ihr Dasein so schal, als wäre ihm jeder Inhalt genommen.
Auch die einsame Insel drückte auf sie, die noch vertiefte Stille dieser Woche, die Tante Marianne so ganz als weihnachtlich empfand. An den Festtagen fuhr unweigerlich am frühen Vormittag die Mietkutsche vor. Tante Oschitz hätte jeden Zwang zum Besuch des Gottesdienstes verworfen, denn er entsprach so gar nicht ihren Anschauungen; aber sie sah es als selbstverständlich an, daß Helene und Harro sich ihr anschlossen. Eine Qual schon allein diese endlose Fahrt, den Vetter auf dem Rücksitz gegenüber! Das Kapellchen, dem die festliche Weihe fehlte; die Predigt, deren steten, sanften Druck auf die Tränendrüsen Helene instinktiv empfand; noch einmal die lange, lange Fahrt, während derer Tante mit Harro ein immer vergebliches Examen über das, was der Tränen-Müller soeben verkündet, anstellte. Trotz auf der einen, Verstimmung auf der andern Seite. Verstimmung, die eigentlich den ganzen Tag über anhielt, um sich erst gegen Abend in eine schmerzliche Mutterzärtlichkeit aufzulösen.
Es war ja gut, daß Harro der Verstimmung wie der Zärtlichkeit auswich — und anderem. Er war tagsüber fast nie zu Hause, hatte tausend Ausreden. Oft genug fehlte er sogar bei den Mahlzeiten; bisweilen kam er erst spät in der Nacht zurück, heimlich, auf verbotenem Wege, mit falschen Schlüsseln. Vielleicht steckte er auch mit den Dienstboten im Bunde. Jedenfalls hörte Helene in ihren unruhigen Nächten oft noch nach Mitternacht seinen leisen Schritt auf dem Korridor. Und es gab ihr jedesmal einen Stich ins Herz: auch daran war sie schuld. Ganz genau wußte sie das.
Einmal, nachmittags, war Tante Marianne zu ihrem Bankier gefahren. Helene saß unten im Salon. Es dämmerte schon leicht, so daß sie ihr Buch aus der Hand legen mußte. Ein paar Male ging sie im Zimmer auf und nieder, setzte sich vor das Instrument, schlug ein paar Akkorde an. Wie eine halbe Ewigkeit erschienen ihr die Tage, in denen sie nicht geübt hatte. Sie dachte nach: wann hast du überhaupt zum letzten Male gesungen? Und da schoß ihr durch den Sinn: ‚Am heiligen Abend! Am heiligen Abend — mit ihm!‘ In jener Stunde, in der sie eigentlich zum letzten Male sich ganz, ganz glücklich gefühlt hatte —
So deutlich ... so zum Greifen deutlich stand plötzlich wieder sein Bild vor ihrer Seele.
Ob auch er wohl jetzt ihrer gedachte?
Tiefer sanken die Schatten herab. Fast dunkel war es im Zimmer.
Ganz leise und sacht fing sie an, gerade so, wie sie beide neulich — neulich angefangen hatten.
„Nur wer die Sehnsucht kennt,