Da hörte sie deutlich nebenan, im Arbeitszimmer des Herrn von Oschitz, ein verhaltenes Schluchzen. Ein einziger kurzer Ton nur war’s. Fast nie betrat jemand dies düstere, kleine Gemach des Verstorbenen. Und noch einmal klang’s auf, so daß sie zusammenschauerte. Ein Wehlaut, wie mit Trotz unterdrückt.
Fast im gleichen Moment aber sprach jemand nebenan. Des alten Dieners Stimme: „Die Lampe, junger Herr — Sie woll’n sich wohl die Augen ganz verderben.“ Und dann schlug wieder eine Tür heftig zu.
‚Armer Harro! Lieber armer Junge! Auch dir muß ich weh tun, du dummer lieber Junge —‘
Während des ganzen Abends, die halbe Nacht über wurde sie den Gedanken an ihn nicht los.
Diese unruhigen Nächte!
Da kamen die Gedanken, wanderten, erloschen und stiegen aufs neue empor. Und die Sehnsucht kam, krallte sich ein, wurde zum zehrenden Schmerz; wollte sich aufrichten, sich emporranken am Glückserinnern, wurde herabgezerrt vom zagenden Zweifel. Wie zerborsten, zertrümmert sah Helene bisweilen den stolzen, schönen Bau der Zukunft vor sich, den sie so froh, so siegesgewiß aufgerichtet hatten. Hindernisse auf Hindernisse, an die sie nie gedacht, türmten sich auf dem Wege, sperrten jede Aussicht.
Er schrieb so selten, so furchtbar selten für ihre Sehnsucht. Seine Briefe waren so kurz und karg. Gierig suchte sie zwischen den Zeilen, was nicht in ihnen stand. Immer nur von seinen Erfolgen, Triumphen schrieb er, von seiner Arbeit. Manchmal, wenn sie solch ein Billett mutlos in den Schoß sinken ließ, kam ihr ein häßlicher Gedanke: er spricht eigentlich auch immer nur von sich. Aber sie schüttelte solch Empfinden ab wie einen Schmutztropfen. Sie schämte sich.
Vor Jahren hatte sie in Rohlbeck einmal Goethes „Wahrheit und Dichtung“ gelesen. Jetzt ging sie an Harros Bücherschrank, suchte sich den Band heraus, ließ Frankfurts Straßen und Gassen wieder vor sich aufsteigen, ging wie im Traum mit dem Geliebten zum alten Römer und in das Haus am Großen Hirschgraben. Von dem schönen Gretchen las sie, von Goethes Sekundanerliebe, und dachte an Harro. Dachte dann jäh auch: ‚die schönen Frankfurterinnen!‘ Es war wie der Blitz einer Eifersucht. Er traf und schmerzte. Aber gleich bat sie Alfred die Sünde ab — und dann lachte sie leise vor sich hin. Wie man so töricht werden kann vor Sehnsucht.
Das Lachen erstarb, die Sehnsucht blieb.
Tante Oschitz kümmerte sich nicht groß um Helene. Das hatte sie nach einigen Anläufen aufgegeben. In ihr lag es nicht, um Seelen zu kämpfen. Sie selber hatte sich durchringen müssen. Das mochten andere auch tun, und es gelang jedem, so Gott es wollte.