Helene war ihr auch wesensfremd. Sie hatte sie gern, aber nicht mehr; es gab keine engeren Verbindungsglieder zwischen beiden, als die Verwandtschaft schlug. Und wenn sie doch einmal, selten, eine Brücke suchte, so schreckte ihre Herbheit Helene ab, vielleicht gerade weil diese herbe Art sich meist so eigen mit sanften Worten gab.
Trotz allem konnte Tante Marianne die Veränderung in Helenens Wesen nicht entgehen.
„Du siehst schlecht aus, Kind“, sagte sie eines Tages. „Ich glaube, du kommst zu wenig an die Luft.“
„Ich bin ganz wohl.“
Sie saßen sich in der tiefen Fensternische, unten im Salon, gegenüber; Tante Marianne mit einer ihrer Handarbeiten beschäftigt, die Harro früher bisweilen respektlos genug mit Penelopes Geweben verglichen hatte; Helene über ihrem Buch.
„Man täuscht sich in der Jugend leicht über das eigene Befinden. Wirklich: dein Aussehen straft deine Versicherung Lügen.“
„Ich bin ganz wohl“, wiederholte Helene hartnäckig.
Tante Oschitz sah schärfer zu und schüttelte den Kopf. „Ich will Harro sagen, daß ihr morgen einen tüchtigen Spaziergang macht.“
„Bitte — nein, Tante —“
Es kam so heftig heraus, daß die alte Dame stutzig wurde. „Habt ihr euch entzweit, du und Harro?“ fragte sie erstaunt. „Ihr wart doch so gute Freunde.“