„O ja ... o nein! Nur ... ich meine ... Harro hat so vieles andere vor jetzt. Er braucht auf mich keine Rücksichten zu nehmen.“

„Viel zu viel hat der Schlingel vor. Ich bin auch nicht blind.“ Tante Marianne lächelte — für ihren Jungen hatte sie im letzten Grunde ihres Herzens immer Entschuldigungen bereit. „Aber es bleibt dabei. Morgen treibe ich euch beide aus dem Hause.“

Es blieb wirklich dabei. Und es wurde ein qualvoller Spaziergang durch den verschneiten Tiergarten. Sie rasten im schnellsten Tempo ihren Gesundheitsmarsch ab. Immer dachte Helene: ‚das sind dieselben Wege, dieselben Wege, die er und ich gingen.‘ Immer dachte sie dazwischen: ‚der arme Junge, der arme Junge!‘

Die Querallee waren sie gegangen, zum Großen Stern, bogen nun wieder in das Weggewirr ein, das zur Rousseau-Insel zurückführte. Ohne ein Wort zu sprechen. Manchmal sah Helene scheu auf ihren Begleiter. Er hatte die Hände tief in die Manteltaschen gesteckt, zur Faust geballt; der schöngeformte Kopf war auf die Brust gesenkt; auf der Stirn unter der Pelzmütze lagen dichte Falten; die Lippen hatte er fest aufeinandergepreßt.

Plötzlich, mitten in der Einsamkeit, blieb er stehen.

„Helene —“ sagte er jäh, und dann stockte er wieder. Ganz tief, ganz alt hatte seine Stimme geklungen.

Ein Beben überlief sie, eine unbestimmte Angst. Unwillkürlich war auch sie stehengeblieben und wäre doch am liebsten geflohen.

Mit einem Male riß er die Fäuste aus den Taschen, die Tränen stiegen ihm in die Augen. Er faßte nach ihren Händen. Und nun hatte seine Stimme wieder den rührenden Ton der Jugend: „Liebe Helene, kann ich dir nicht helfen?“

Sie empfand alles, was in seinem Herzen vorging. Durchlebte es mit ihm in einem Augenblick: seine ehrliche Jungenliebe, — sein Sehnen — der reine, schöne Wunsch, sich selber für sie zu opfern! Wußte, daß auch er sich einen Altar aufgebaut hatte, auf dem er sein eigenes Herz für sie in Rauch und Asche verbrennen wollte! Fühlte den heiligen Ernst, der in ihm glühte!

Die Angst glitt ab von ihr. Aber weinen hätte sie mögen. Ans Herz hätte sie ihn nehmen mögen wie einen Bruder. Nein — mehr war er, als ihr je ein Bruder gewesen war, je sein würde!