Lügen konnte sie nicht in diesen Augenblicken. Nicht lügen ... schrie es in ihr. Nicht einmal leugnen!
Aber sie konnte auch nicht anders, als den Kopf schütteln. Ernst und schwer und nun auch mit tränenden Augen.
„Ich hab dich gestern singen hören“, sprach er weiter. Ganz langsam kamen die Worte ihm von den Lippen. „Du sangst so wunderbar schön ... das Beethovensche Lied ... das Harfnerlied. So wunderbar schön, aber es war, als bräche dir das Herz darüber entzwei.“
Sie neigte den Kopf. „Unsagbar wohl hat es mir doch getan“, sagte sie. Es waren ihre ersten Worte. Und wie sie sich selber sprechen hörte, kam ihr allmählich das Bewußtsein ihrer Überlegenheit wieder. Der Überlegenheit, die ihr bei fast gleichen Jahren ihr Geschlecht gab und ihr Erleben. Gerade nun empfand sie das: wie jung der liebe Harro da neben ihr war, und auch das andere: wie sie selber in diesen letzten Monaten gereift war.
Ihre Überlegenheit kam zurück, und damit ihre Sicherheit. Aber der innige Wunsch blieb, dies junge Herz zu schonen, ihm gut zu tun, wie sie nur konnte.
Sie drückte ihm die Hände. „Ich danke dir, lieber Harro. Ich weiß, wie gut du es meinst. Ich will dir immer eine treue Freundin bleiben.“
Er zuckte zusammen. „Helfen möchte ich dir!“
„Wir Menschen können einander wohl nur selten helfen.“
„Du sagst, du wolltest meine Freundin sein. Dann mußt du auch Vertrauen zu mir haben, Helene!“
Da war schon wieder der Trotz in seiner Stimme, der rechte Jungenstrotz. Und das tat ihr wohl.