Plötzlich stieß er heraus: „Ja — du —!“ Machte kurz kehrte und rannte in den Tiergarten zurück. — —
Nun aber, nun war Alfred endlich in Berlin. Sie sah ihn wieder, hörte seine Stimme, hielt seine Hand in der ihren, saß neben ihm in der lieben, kleinen Konditorei auf dem alten Sofa und bat ihm im geheimen all ihr Zagen und Sorgen, all ihren Kleinmut ab. Nicht im geheimen nur. Ganz offen, ganz ehrlich: „Ich war so töricht, Fred ... ich habe mich so geängstigt ... so hoffnungslos war ich. Ach, Fred, du darfst mich nicht so lange allein lassen. Ich ertrage das nicht. Die Sehnsucht ist zu groß.“
„Ja, die Sehnsucht! Glaubst du denn, Helene, ich hätte nicht unter der Sehnsucht gelitten?“ Er legte den Arm um sie, zog sie an sich. „Aber ich weiß wohl, wir Männer kommen leichter darüber hinweg als ihr Frauen. Schon durch den Beruf. Was war das wieder für eine abscheuliche, anstrengende Sache, dieses ganze Gastspiel! Schon allein die Fahrt bei dieser Kälte. Man ist in Deutschland doch noch um ein Jahrzehnt zurück oder länger. Gerade daß immer alle fünf Stationen eine Fußflasche mit heißem Wasser ins Coupé geschoben wird, während es selbst in Rußland schon ordentlich geheizte Wagen gibt. Ridikül ist’s. Und der ungemütliche Aufenthalt im Frankfurter Hotel, und diese jammervollen Theaterverhältnisse in der lobesamen Freien Reichsstadt!“
„Warst du am Großen Hirschgraben?“
„Wo?“
„Am Großen Hirschgraben ... wo der junge Goethe gewohnt hat.“
Er lachte. „Ach, du liebe, liebe Närrin. Was ist mir der junge Goethe! Hat der am Großen Hirschgraben gewohnt? Ich weiß nicht einmal, wo der liegt. Aber den Tannhäuser hab ich gesungen: das war wenigstens ein Erfolg, der wohltun konnte.“ Und er erzählte von der Aufführung — lang und breit —
Sie wußte selbst nicht, warum es ihr weh tat, daß er vom jungen Goethe nichts wußte, nichts wissen wollte. Es war ja auch ungerecht, daß sie’s mit einer leisen Bitterkeit empfand, sie gestand es sich ein. Und ungerechter noch, daß sie nicht mit der gewohnten Aufmerksamkeit zuhören konnte. Aber sie mußte sich geradezu anstrengen, ihm zu folgen.
Nicht einmal fragte er: wie ist es dir denn ergangen in diesen langen, langen Tagen? Freilich, ein Mann hatte eben seinen Beruf, und es war wohl in der Ordnung, daß er ganz in ihm aufging. Aber weh tat es doch. Nun — auch sie würde ja einmal ihren Beruf haben. —
Und wonnig, beseligend war es doch schon, ihn wieder zu haben. Seine Nähe zu fühlen, seine Hand zu halten. Was wollte sie denn mehr: er liebte sie — er liebte sie! Er sah ihr in die Augen, tief, tief, er suchte ihre Lippen —