Das war es, worauf sie wartete. Nicht allein deshalb, weil es so lustig war, nein auch, weil die Ziegen nie so kräftige, fette Milch gaben, als wenn sie im Frühling die ersten Knospen zu fressen bekamen.
Die Mutter war seit dem Tage, da Sidsel zum erstenmal auf Hoël gewesen war, nicht mehr recht wohl und munter gewesen; wenn aber Krummhorn nur erst ihre Knospen zu knabbern bekam, dann würde sie schon wieder gesund werden.
Obwohl sie listig etwas Sand darauf gestreut hatte, damit der Schnee rascher wegschmelzen sollte, lag an dem Tage, da Sidsel Langröckchen in den Stall ging, Krummhorn losband und ins Freie führte, freilich noch immer ein winziger Streifen Schnee oben auf dem Steine.
Krummhorn ging ruhig und würdevoll, bis sie vor die Stalltüre gekommen waren. Da blieb sie stehen, sah sich um und schnupperte gegen die Sonne. Sidsel zog an der Leine, sie wollte zu dem Heideflecken hinunter ziehen, wo sie die Birke stehen hatte, deren Knospen am weitesten vorgeschritten waren.
Krummhorn blieb unbeweglich stehen, als ob gar nichts los wäre; sie war so stark, daß sie nicht einmal den Hals reckte, so krampfhaft Sidsel auch an der Leine ziehen mochte. Sidsel ging da näher heran, um die Leine kürzer zu nehmen, aber da machte Krummhorn eine kurze Bewegung mit dem Kopf, stieß so heftig mit den Hörnern nach Sidsel, daß diese hinterrücks zu Boden fiel, und tänzelte dann gleichgültig davon.
Sidsel kam rasch wieder auf die Beine und setzte der Ziege nach. Als sie ihr aber endlich so nahe gekommen war, daß sie eben nach der Leine am Boden greifen wollte, da begann Krummhorn zu traben; sie galoppierte nicht, wie Ziegen zu tun pflegen, sie trabte wie eine Kuh oder ein Elch, trabte am Hause vorüber und schlug die Richtung nach Svehaugen ein. Sidsel ihr nach; aber so sehr sie auch lief, holte sie sie doch nicht ein. Schließlich stolperte sie über einen Stein, fiel hin, so lang sie war, und hatte gerade noch Zeit, die Augen aufzuschlagen und Krummhorn im Trabe über die Anhöhe verschwinden zu sehen.
Nun blieb ihr nichts andres übrig, als heimzulaufen und die Mutter zu holen, und dann setzten sie beide der Ziege nach. Aber das wurde ein langes Wettlaufen; erst dicht am Gatter von Svehaugen holten sie Krummhorn ein. Dort stand sie und sah gelassen durch die Zaunpfähle; sie dünkte sich offenbar zu gut, um, wie andre Ziegen, über den Zaun hinwegzusetzen, sie, die sich einbildete, sie wäre eine Kuh.
Rönnaug war von dem langen Laufen ganz warm geworden und in Schweiß gebadet, und am Abend, als sie zu Bett gegangen waren, sagte die Mutter, sie friere so erbärmlich. Das schien Sidsel sonderbar; denn als sie ihr Gesicht an den Hals der Mutter legte, war der so heiß wie ein glühender Ofen.
Am nächsten Morgen weckte die Mutter Sidsel und bat sie, zu Kari Svehaugen hinüberzugehen und sie zu bitten, sie möge zu ihr kommen und nach ihr sehen, sie fühle sich ganz elend und werde gewiß nicht aufstehen können.
Das kam Sidsel wieder seltsam vor; denn sie hatte die Mutter noch nie mit so geröteten Wangen und mit so lebhaften Augen gesehen. Aber auf einmal kam ihr alles so verwunderlich vor, daß sie kein Wort hervorbrachte, sondern sofort aufstand, sich eilig ankleidete und davonstürzte.