Nun kamen seltsame Tage oben im Guckausschloß. Wenn Sidsel Langröckchen späterhin an die Zeit zurückdachte, war es ihr, als sei es wie ein einziger schrecklich langer Tag gewesen, an dem so vielerlei geschehen war, was sie sich gar nicht recht klar machen und auseinanderhalten konnte. Alle Erinnerungen an diese Zeit waren wie Schatten, die in einem gelblich flammenden, bösartigen Licht vorüberdrängten und sich jagten, und durch all dies Gewirr hindurch hörte sie wie ein unablässiges Sausen ein schweres, wehes Atemholen.

Ihr war, als könne sie in der Ferne Kari Svehaugen erkennen, die still herumging und im Hause und im Kuhstall alles besorgte, und sie selbst hatte gewiß mehrere Male oben im Geäst einer Birke gesessen und Knospen gepflückt. Auch Lars Svehaugen glitt rasch an ihrem Auge vorüber, als hätte er es furchtbar eilig. Und dann war einer gefahren gekommen, im Pelz und mit großen, schweren Stiefeln, den alle umringten und dessen Worten sie lauschten; und mit ihm kam ein eigentümlicher Geruch, der gleichsam die ganze Stube ausfüllte, auch noch lange, nachdem er schon wieder fort war.

Ihr war auch, als hätte sie Kjersti Hoël auf einem Stuhle sitzen und allerhand gute Sachen aus einem großen Korbe auspacken sehen, und Jakob stand daneben und hatte ein großes Stück Rosinenkuchen in der Hand, an dem er kaute, immerfort kaute, als wäre es ihm unmöglich, den Rosinenkuchen hinunterzuwürgen. Am deutlichsten sah sie seine Augen, sie waren so groß und seltsam glänzend.

Dann war sie eines Morgens in blendend grauem Tageslicht erwacht. Und von da ab sah sie alles und konnte sich auf alles ganz deutlich besinnen. Sie lag in dem kleinen Kinderbette, in dem Jakob zu liegen pflegte, als er noch zu Hause war — sie mochte wohl alle diese Nächte darin gelegen haben — und Kari Svehaugen beugte sich über sie und sah auf sie herab. Es war ganz still; das schwere, wehe Atemholen konnte sie jetzt nicht mehr hören; es knisterte bloß im Feuer auf dem Herd, und ein warmer Luftstrom drang von dort herein.

Kari sagte ganz still:

Nun hat es deine Mutter gut, kleine Sidsel, so gut, wie sie es nie zuvor gehabt hat. Und deshalb sollst du auch nicht weinen.

Und Sidsel weinte auch nicht, sie stand bloß auf und ging ganz still umher den ersten Tag.

Und später gab es so viele Vorbereitungen zu etwas Feierlichem, daß sie kaum Zeit bekam, über die große Veränderung nachzudenken. Lars Svehaugen kam vom Krämer mit so viel feinem weißem, blankem Zeug, wie sie noch nie gesehen, und dann kam eine Frau und half der Kari, das Zeug zurechtzuschneiden und ein Kissen und ein feines, weißes Kleid daraus zu nähen, das die Mutter anhaben sollte, und auf dem weißen Kissen sollte sie liegen.

Lars Svehaugen kam wieder und begann eine neue Bettstelle für die Mutter zurecht zu zimmern; und gerade da kalbte Bliros, und das Kalb sollte geschlachtet werden. Und Lars brachte feine Tannenbüsche und hämmerte ein paar an der Tür draußen fest und andre auf die Gatterpfosten und streute Tannenreisig auf den ganzen Weg bis ans Haus heran. Und allerlei Sendungen kamen, eine solche Menge guter Sachen von Kjersti Hoël und von andern, daß Sidsel noch nie so viel Gutes gekostet hatte.

Und dann kam der Tag, an dem die Mutter zur Kirche gefahren und begraben werden sollte. Es kamen viele Menschen, und Jakob kam in neuen Kleidern aus grauem Fries und strahlte förmlich; und alle wurden bewirtet, und es war so still und feierlich. Sogar der Schulmeister kam in eigener Person und sang so schön, während Lars Svehaugen und drei andre die Mutter zur Tür hinaustrugen und auf einen Schlitten setzten. Darauf zogen sie langsam von dannen, die Anhöhe hinab, der Schlitten fuhr zuerst, und alle die andern schritten still hinterdrein. Unten aber standen zwei Pferde, und sie und Jakob durften wahrhaftig neben Kjersti Hoël selber im Schlitten sitzen und fahren.