Und kam sie vollends ins Freie, so war sie nicht zu bewegen, den andern Ziegen auf den Anger hinauf zu folgen, um Futter zu suchen, frech stellte sie sich an der Tür zum Kuhstall auf, und hier stand sie unbeweglich den ganzen, geschlagnen Tag — und brüllen tat sie, wie eine Kuh, sagte der Knecht — so daß sie am Abend, wenn die andern satt und vollgefressen heimkehrten, mager und hungrig wie ein Wolf war.
Sidsel meinte zwar, wenn sie einen Stand im Kuhstall kriegte, so würde sie schon wieder vernünftig werden; aber dazu sagten Kjersti wie die Sennerin nein — eine Ziege dürfe nicht solche schlechte Angewohnheit gelehrt bekommen.
Sidsel hatte deshalb nicht weiter viel zu tun gehabt; das Einzige, wozu Kjersti sie angestellt hatte, war, ihr Kämmerchen hübsch in Ordnung zu halten, und das hatte sie auch immer getan. Jeden Morgen machte sie selbst ihr Bett, und jeden Sonnabend scheuerte sie den Fußboden und das Wandbrett und streute Wachholder. Und letzten Sonnabend war denn auch Kjersti gekommen, hatte zu ihr hereingeguckt und gesagt, sie hielte ihre Schlafkammer ordentlicher und sauberer als die erwachsnen Mägde; und das war nicht gelogen, das hatte sie selber gesehen.
Nun sollte es aber anders werden. Gestern abend war Kjersti zu ihr gekommen und hatte gesagt, heute früh sollte das Vieh auf die Weide gelassen werden, und da müsse sie mit dabei sein; späterhin am Tage sollten die Kälber zum ersten Mal ins Freie kommen, und die müsse sie wenigstens den ersten halben Tag hüten, und weiterhin solle sie ihnen Namen geben, Namen, die sie auch für später behalten sollten, bis sie große, alte Kühe würden. Am nächsten Tage dann sollte sie den Ranzen aufgeschnallt kriegen und mit den Schafen und Ziegen in den Wald ziehen. Denn nun ging es nicht länger an, die Tiere noch auf dem Anger grasen zu lassen.
Jetzt besann sie sich auch; diese Namen waren es gewesen, über die sie gestern abend im Bett nachgedacht hatte; aber noch war sie damit nicht weiter gekommen, als darüber nachzudenken, ob nicht die feine rotbraune, die mit dem großen, weißen Fleck am Kopfe und mit den sanften, gutmütigen Augen, Bliros heißen sollte.
Aber sie hatte den Gedanken bald aufgegeben. Es war doch nur eine einzige Kuh, die Bliros heißen konnte. Ach, sie mochte am liebsten gar nicht daran denken. Und darüber war sie eingeschlummert.
Wenn sie es nur nicht verschliefe! Denn sie hatte Kjersti sagen hören, sie könne es nicht ausstehen, wenn die Mägde am Morgen so lange liegen blieben und die Zeit vertrödelten — und es wäre ja auch keine Art gewesen, wenn sie gerade heute, wo sie im vollen Ernst den Dienst beginnen sollte, nicht ebenso früh zur Stelle gewesen wäre wie die andern.
Sie kam rasch aus den Federn und schlüpfte in ihren langen Rock. Dann machte sie schnell ihr Bett, öffnete die Tür, ging in den Flur und auf die Treppe hinaus.
Die Sonne war eben im Osten über den obersten Tannenwipfeln auf der Halde emporgekommen und brauste nun wie ein schäumender Wasserfall über die Talränder nieder; die Sonnenstrahlen zitterten im Tau auf den Wiesen und Halden; es blinkte im Gelben, es glitzerte im Grünen, es blitzte in den Bächen, die talabwärts rauschten. Aus jedem Gebüsch kam ein lustiges Zwitschern und Piepsen, ein unaufhörliches Schwätzen und Flügelschlagen, von allerorten kam die frohe Kunde keimenden Lebens und Treibens.
Alles vermischte sich zu einem einzigen, mächtigen Morgenbrausen, in dem der einzelne Laut verschwand, nur der Kuckuck rief hoch oben im Birkenwäldchen auf der Halde so laut, daß man ihn über alles hinweg hörte, und in jedem blanken Fenster stand ein großes, ruhiges Sonnenauge.