Dann blieb er wieder ruhig sitzen und sah den Weg hinauf. Nein aber, ob er jemals etwas Ähnliches gesehen hatte — vielleicht war es nicht einmal etwas, das er zu melden brauchte; aber immerhin mußte er sich wohl auf den Weg machen und sich die Sache etwas näher ansehen.

Er krümmte den buschigen Schwanz in einen großen Bogen; man sollte sehen, daß er bester Laune war, und trippelte zum Hofe hinaus.

Es mußte aber doch wohl ein Mensch sein. Es fing an, so leibhaftig der Finn-Kathrine zu gleichen, die dort im Winter zu gehen pflegte, aber die konnte es doch nicht sein; denn dazu war das Wesen dort allzu winzig. Aber ein weiter, langer Weiberrock war es jedenfalls, und unter dem Rock kamen die Spitzen von einem Paar großer Schuhe hervor, über die graue, abgeschnittne Strumpffüße gezogen waren. Über den Rock war ein großer Bausch Gestricktes gewurstelt, aus dem zwei Stummel mit roten, gestrickten Fausthandschuhen hervorguckten. Oben drauf saß ein etwas kleinerer Bausch Gestricktes — das war wohl der Kopf. Hinten auf dem Rücken hing ein großes Bündel in einem dunkelfarbigen Einschlagetuch und vorn ein kleiner, niedlicher, rotgemalter Holzeimer.

Bär mußte unwillkürlich stehen bleiben und sehen. Das rätselhafte Wesen war nun ebenfalls seiner gewahr geworden und wie unschlüssig stehen geblieben. Da ging er auf die äußerste Wegkante hinüber, blieb dort stehen und versuchte, so gleichgültig wie möglich auszusehen, um das Wesen nicht zu erschrecken. Dies ging dann vorsichtig, wie auf Stelzen, langsam wieder vorwärts, indem es sich dicht an der andern Seite des Weges hindrückte und drehte sich allmählich, je näher es herankam, so daß es ganz der Quere ging, als es endlich gerade vor Bär angelangt war.

Da gelang es aber Bär, einen kurzen Blick durch eine kleine Öffnung in dem obersten Strickbausch zu werfen, und was sah er! Erst ein kleines, rotes, aufwärtsstrebendes Stumpfnäschen, dann einen roten Mund, der unsicher zuckte, als wollte er zu weinen anfangen, und ein Paar große blaue Augen, die ihn erschrocken anstarrten.

Bah! Das war ja bloß ein kleines Mädel, das wegen der Kälte tüchtig eingemummelt war. Er kannte sie zwar nicht, aber — wart mal — das Eimerchen kam ihm so bekannt vor. Jedenfalls war es keine Art, sich hier barsch zu stellen und so ein kleines Ding zu erschrecken.

Unwillkürlich wedelte er mit dem Schwanze während er hinüberging, um den Eimer zu beschnüffeln.

Aber das kleine Mädchen verstand ihn nicht sofort, erschrocken trat es vielmehr ein paar Schritte zurück und purzelte rücklings neben dem Wege hin. Da sprang Bär rasch zur Seite und lief ein Stückchen voraus, sah sich wieder um und blinzelte freundlich mit den Augen und wedelte kräftig mit dem Schwanze. Jetzt begriff sie, stand auf, lächelte und trippelte hinter ihm drein. Bär humpelte voran, sich immer wieder umsehend; nun erkannte er, daß sie sicher irgend einen Auftrag auf Hoël auszurichten hatte, und da war es seine einfache Pflicht und Schuldigkeit, ihr zurecht zu helfen.

Das kleine Mädchen war Sidsel Langröckchen von Schloß Guckaus oben auf der Höhe, die dergestalt auf Hoël ihren Einzug hielt.

Schloß Guckaus lag auf einem öden, unfruchtbaren Berghang, weit vorn, gerade unter dem Großhammer, zu alleroberst im Oberdorf, und der Name — es hieß eigentlich Neu-Wüstenland — war ein Spitzname, den ihm ein Spottvogel gegeben, weil man von da oben einen weiten Ausguck hatte, und weil es allem andern eher als einem Schloß glich. Das Krongut, das zum Schloß gehörte, bestand bloß aus etwas Heideland, wo Heidel- und Preiselbeerkraut üppig gedieh, unterbrochen hier und da von einem kleinen Fleckchen Ackerboden oder einem Stückchen Wiese.