Die Stallgebäude bestanden aus einem untermauerten Kuhstall mit zwei Ständen, halb in den Hügel eingegraben, und einem kleinen Schweinekofen im gleichen Stil. Und das Schloß selbst war ein winzig kleines, mit Rasen gedecktes Häuschen, das ganz vorn am Abhang mitten in der Einöde lag. Es hatte bloß ein niedriges Fensterchen mit ganz kleinen Scheiben, das ins Tal hinabschaute.

Fast überall aber, wo man im Umkreis sein mochte — wenn man in der Richtung hinsah und den Blick hoch genug hinaufwandte, überall sah man stets dieses Schloß und dies Guckfensterchen, das wie ein kleines Auge über das Tal hinausblickte.

Wenn nun die Herrlichkeit, von der sie herkam, nicht größer war, so kann man sich wohl leicht denken, daß Sidsel Langröckchen just keine verkleidete Prinzessin war, sondern schlecht und recht ein kleines armes Bettelkind. Und zum ersten Mal auf den Hof von Hoël zu kommen, war für sie dasselbe, als wenn sie wirklich zu Hofe gekommen wäre, obschon sie in einem gar wichtigen, eigentlich nur für Erwachsene passenden Auftrag geschickt war; sie kam nämlich an Stelle ihrer Mutter als Spinnfrau.

Sidsels Mutter, Rönnaug, hatte nun schon vier Jahre lang oben auf Schloß Guckaus allein für den Unterhalt der Familie sorgen müssen. Früher war es ihnen gut gegangen; da war aber der Mann gestorben, und nun saß sie allein da mit dem Schloß, einer Kuh und zwei Kindern, Jakob, der damals ungefähr sechs Jahre zählte, und Sidsel, die zwei Jahre jünger war. Es hielt oft schwer genug, aber sie hatten doch immerhin ein Dach über dem Kopfe, und nach Brennholz brauchten sie auch nicht weit zu laufen, der Wald lag gerade vor der Tür.

Im Sommer konnte sie den harten, steinigen Boden gerade soweit aufkratzen, daß sie auf dem jämmerlich kleinen Fleckchen Ackerland Kartoffeln und etwas Korn bauen konnte, und Heidegras und frisches Laub, das sie sammelte, gab es gerade genug, um die Kuh Bliros jedes Jahr durchfüttern zu können. Und wo eine Kuh ist, da gibt’s auch immer was zu leben.

Im Winter spann sie fleißig Leinwand und Wolle für die Bäuerinnen unten im Dorfe und vor allem für Kjersti Hoël, die Großbäuerin, bei der sie als Magd gedient hatte, ehe sie sich verheiratete.

Auf diese Weise hatte sie sich durchgeschlagen. Unterdessen war der Jakob so groß geworden, daß er selber für sich sorgen konnte. Im letzten Frühling war auf Nordrum Nachfrage nach einem Hirtenbuben gewesen, und da hatte er sofort zugeschlagen. Er und Sidsel hatten so oft oben in der Stube vor dem kleinen Guckfensterchen auf den Knieen gelegen, hinausgeschaut und überlegt, wo sie wohl beide einmal dienen würden, wenn sie erst groß wären. Und da hatte der Knabe immer Nordrum für sich gewählt, hauptsächlich deshalb, weil er den Bauer von Nordrum immer als einen besonders starken Mann hat rühmen hören, — sie dagegen hatte gemeint, besser müsse es auf Hoël sein, wo bloß Frauensleute wären.

Im Herbst hatte dann der Nordrum gesagt, so einen Burschen wie den Jakob könne er auch im Winter brauchen, und da war Jakob dort geblieben.

Er war sogar schon letzte Weihnachten einen ganzen Tag wieder zu Hause gewesen, und da hatte er der Schwester ein Weihnachtsgeschenk mitgebracht von einem kleinen Mädchen auf dem Nordrumhofe, einen gar feinen Unterrock aus grauem Fries.

Und wie lustig und spaßig er geworden war! Als sie den neuen Rock, der ihr vorn wie hinten bis ganz herunter auf die Füße reichte, zum erstenmal angezogen hatte, da hatte er sie Sidsel Langröckchen genannt.