Indessen ging es deswegen nicht schneller, und es war schon Sonnenuntergangszeit im Tale, als sie endlich soweit gekommen war, daß sie über und in das Tal hinunterblicken konnte; der Schatten hatte bereits begonnen, auf der andern Seite hinaufzukriechen, während oberhalb der scharfen Schattenlinie die ganze Seite des Tals noch in rötlicher Abendsonne daneben lag; aber der Schatten fraß sich fest und sicher weiter nach oben.

Da vergaß Sidsel, ihre Schritte zu zählen — es wäre spaßig gewesen zu versuchen, ob sie nicht die Sonne wieder erreichen könnte, bevor diese an Hoël, das drüben auf der andern Seite lag und in der Abendsonne leuchtete, vorbeigegangen war.

Sie begann die Halde hinunter zu laufen, aber es kostete doch Zeit — als sie in den Talgrund hinunter gekommen war und den Aufstieg über die Anhöhen begann, war die Sonne verschwunden; sie sah bloß noch den letzten Schimmer in den obersten Tannenwipfeln und ein kleines kurzes Blinken in dem Augenblick, als die Sonne oben am Fensterchen von Schloß Guckaus vorbeischlüpfte.

Da blieb sie stehen und holte Atem; es war so still und warm, förmlich schwül hier unten im Tal — ganz anders als oben im Gebirge; die Erde atmete gleichsam aus, sobald die Sonne untergegangen war; es herrschte ein so seltsam drückender Duft, daß sie sich auf einmal ganz ängstlich und beklommen fühlte; ihr war, als ob sie irgend ein Unrecht begangen hätte, auf das sie sich nicht besinnen konnte. Da fiel ihr plötzlich ein, sie hätte einen Boten voraussenden sollen; die Leute unten im Tal fürchten immer, wenn eins von der Senne unerwartet herunterkommt, es könnte etwas passiert sein, und das wäre doch zu dumm, wenn jemand käme und Kjersti Hoël erschreckte.

Deshalb kam sie die Anhöhe nach Hoël ganz langsam hinauf. Sie vermutete, daß man sie bemerken oder daß wenigstens Bär bellen würde, und dann sollten sie sehen, daß sie keine Eile hatte und nicht mit schlechten Nachrichten kam.

Aber niemand schien sie zu bemerken; sie konnte auf dem Hofe keinerlei Unruhe und Bewegung wahrnehmen und so mußte sie doch hineingehen.

Kjersti Hoël wurde freilich ganz aufgeregt, als Sidsel hereintrat — sie nahm sich nicht einmal Zeit zu grüßen und rief:

In Jesu Namen. Es ist doch wohl nichts auf der Senne passiert?

Worauf Sidsel sich beeilte zu antworten:

O nein! Ich soll von der Sennerin grüßen und sagen, du sollst nicht ängstlich werden, wenn du mich hier siehst; es geht allen sehr gut, Vieh und Volk. Ich bekam bloß Erlaubnis, nach Hause zu gehen und mich mit meinem Bruder Jakob zu treffen.