Na, Gott sei Dank, sagte Kjersti — ja, dann sei herzlich willkommen.
Da war es, als ob die Beklommenheit auf einmal verschwand, und Sidsel ward es plötzlich so feierlich zu Mute und sie fühlte sich so glücklich darüber, daß sie wieder einmal zu Hause war. Und Kjersti war heute in besonders guter Laune, sie bewirtete sie und behandelte sie so ausgesucht liebenswürdig, als wäre sie die Sennerin selber, und als sie zu Bett gehen wollte, folgte Kjersti ihr sogar in die Gangkammer, die genau so nett und sauber war, wie sie sie verlassen, und sie blieb lange bei ihr auf der Bettkante sitzen und fragte sie über jedes einzelne der Tiere aus — Kjersti hatte keins vergessen. Und Sidsel erzählte — bloß eine Sache war so schrecklich peinlich, aber es konnte nichts helfen, sie mußte doch heraus damit, und es ließ sich auch auf die Länge nicht verheimlichen. Und das war die Geschichte mit dem Kalbe, das sie voriges Jahr Morskol (Mutters Hornlose) getauft hatte. Der Name paßte nicht, „Mutters Hornlose“ fing nämlich an, Hörner zu kriegen, obgleich Sidsel Salz darauf gestreut hatte, damit sie nicht wachsen sollten.
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Sidsel fand, der Sonntag fing gut an; er begann nämlich damit, daß Kjersti Hoël selber mit einem großen Kaffeebrett und Kuchen in die Kammer hereinkam und sie im Bette damit bewirtete; so großen Staat hatte niemand bisher mit Sidsel gemacht, so weit sie sich erinnern konnte; und sie glaubte kaum, daß so etwas selbst der Sennerin je passiert war; und was noch mehr war, als sie in ihren langen Rock hineinschlüpfte, da sagte Kjersti, sie solle sich beeilen und wachsen, sie solle einen neuen Rock bekommen, wenn der ihre nicht weiter als bis an die Kniee reiche; und obgleich sie gar nicht erzählt hatte, wo sie Jakob treffen wollte, mußte Kjersti das auch erraten haben; denn sie richtete ein Bündel mit ganz unglaublich feiner Wegzehrung für sie her und sagte, sie solle damit den Jakob bewirten, denn der müßte wohl zum Abend wieder auf die Nordrumsenne zurück und hätte keine Zeit, heute nach Hoël herunterzukommen. Aber Kjersti trieb sie nicht weiter zur Eile — sie glaubte wohl, Jakob könne nicht allzu zeitig kommen, da er ja heute den langen Weg von der Senne zu gehen hatte — Sidsel mußte ihr schließlich den Brief zeigen, in dem ausdrücklich stand: „Man wird ersucht, sich rechtzeitig einzufinden“ — da begriff auch sie, daß es Eile hatte.
Bald darauf war Sidsel auf dem Wege — Bär folgte ihr ein langes Stück aufwärts bis dahin, wo die Birkenhalde begann — dort kehrte er um und trottete heimwärts mit dem sanftmütigsten und feinsten Sonntagsringel im Schwanze.
Das Tal lag im stillen Sonntagmorgen friedlich vor ihr, kein Mensch war zu sehen, weder auf den Wegen, noch auf den Feldern, nur hie und da in den Gehöften stand ein Mann, behäbig gegen die Türpfoste gelehnt, barhaupt und in schlohweißen, flatternden Hemdsärmeln, und aus allen Schornsteinen stieg der Rauch langsam in die stille Luft empor. Unwillkürlich mußte sie nach Schloß Guckaus hinaufsehen, dort sah es so einsam und verlassen aus, dort stieg kein Rauch aus der Esse auf, und sein Auge, das über das Tal hinaussah — jetzt, wo die Sonne noch auf der andern Seite stand, und sich also nicht in dem Fensterchen spiegelte, war es gewissermaßen blind; sie mußte wirklich in dem Augenblick an einen Blinden denken, den sie einmal gesehen, und seine sonderbaren, leeren Augen, die sie damals erschreckten; jetzt hatte sie genau denselben Eindruck, deshalb und ging sie nicht mehr so schnell, es lag ihr nicht daran, hinaufzukommen, ehe Jakob angelangt war.
Als sie zum Guckausschloß hinaufkam, war das erste, was sie sah, das Tannenreisig, das damals, als sie das letzte Mal oben war, auf den Gatterpfosten festgenagelt worden war; die Büsche staken dort noch immer da, aber nun waren sie vertrocknet und die Nadeln abgefallen; unwillkürlich mußte sie zur Tür hinsehen, ja richtig, dort waren sie ebenfalls noch genau so. An der Türklinke aber stak ein frischer Tannenzweig, es mußte also doch jemand später im Hause gewesen sein. Der Weg, der vom Gattertor dicht an der Haustür vorüber nach der Kuhstalltür geführt hatte, war verschwunden, das Gras war darüber gewachsen; auch die Stalltür war verschwunden, und an der Türschwelle waren hohe Brennesseln aufgeschossen; es war keine Spur von Menschen- oder Viehtritten zu sehen.
Sidsel hatte sich darauf gefreut, wieder hierher zu kommen, sie hatte es sich nicht anders denken können, als daß Schloß Guckaus der gemütlichste Platz in der ganzen Welt sei. Nun fühlte sie sich im Gegenteil auf einmal hier so schrecklich einsam, einsamer, als irgendwo hoch oben im Gebirge oder im Walde; sie empfand es, wie wenn man im Finstern geht und sich vor dem Dunkel fürchtet, so daß man nur vorsichtig vorwärts schreitet, damit es nicht irgendwo knacken und knarren soll. Unwillkürlich ging sie in weitem Bogen an der Hütte und dem Stall vorüber; sie wollte lieber zu dem großen Stein am Bache gehen, wo sie und Jakob als Kinder zusammen gespielt hatten, vielleicht daß es dort nicht gar so einsam und verlassen war.
Als sie zu dem Heidekrautflecken kam, sah sie Jakob, der bereits dort auf dem Steine saß. Da kam auf einmal Leben in all die Öde, sie wurde so froh, daß sie anfing zu laufen; aber sogleich besann sie sich, daß sich das bei einer so feierlichen Begegnung nicht schickte, und es war ja auch so lange her, seit sie Jakob gesehen hatte, daß er ihr beinahe fremd war. Als er ihrer ansichtig wurde, sprang er auch vom Steine herab und begann, seine grauen Hosen abzubürsten und setzte seine Mütze zurecht — er hatte heute sogar eine Schirmmütze auf und keinen Halmhut wie sie. Beide wurden ganz verlegen, als wären sie wildfremd; sie konnten sich nicht in die Augen sehen, als sie sich die Hand zum Gruße reichten, und er machte eine tiefe Verbeugung mit dem Kopfe, während sie so tief knixte, daß ihr Rock bis auf die Erde kam. Sie ließen rasch die Hände wieder los, und dann blieben sie lange verlegen stehen und schauten in’s Tal hinab — es war nicht so einfach, gleich die rechten Worte zu finden, obwohl sie beide gedacht hatten, sie müßten sich gar vielerlei zu erzählen haben. Endlich fiel Jakob etwas ein — er schaute bedächtig umher, und darauf sagte er, wie nach einer langem gründlichen Überlegung:
Es ist herrliches Wetter heute.