Als sie sich so einigermaßen ausgeschwätzt hatten, begannen sie, sich oben umzusehen und an alle ihre Spiele und ihre Lieblingsplätze zu erinnern. Dort gleich neben der Hütte hatten sie ihren Kuhstall gehabt — nein, wirklich, lag da nicht noch der Bulle als einziges Überbleibsel? — und dort jenseits des Heidekrautfleckens war die Senne gewesen, wo sie mit ihrer Herde im Sommer viele Male hinauf und herab gezogen waren. Und dort hatte Jakob seine Sägemühle gehabt, die Sidsel nie anrühren durfte; aber weiter unten hatte sie ihre Meierei gehabt, wohin er kam, um Käse für Planken aus Möhren zu kaufen, die er in seiner Sägemühle geschnitten hatte. Es gab nicht einen einzigen Stein oder Erdhaufen den ganzen Weg entlang bis dicht unter den Großhammer, wo alle die dichten Himbeerbüsche standen, an den sich nicht die eine oder die andre Erinnerung knüpfte; und es war wie ein Fest, hier zusammen zu gehen — Sidsel fand, Jakob war so groß geworden, und dasselbe meinte Jakob in aller Heimlichkeit von Sidsel — und von den Erinnerungen zu plaudern und immer wieder zu sagen: Weißt du noch? Und in der Erinnerung wird ja alles, von dem man so schwätzt, auch so groß und herrlich.
So trieben sie es den ganzen Tag — sie waren bis dicht an den Fuß des Großhammers gegangen, und es war bereits spät am Nachmittag, als sie sich wieder Schloß Guckaus näherten. Es sah nicht aus, als ob sie Eile hätten, zurückzukommen. Beim Bache und dem Felsen machten sie lange Halt und wiederholten immer von neuem: Weißt du noch? oft von ein und derselben Sache; wie als Kinder spielten sie Haschen, es war ihnen gewissermaßen darum zu tun, immer etwas Neues zu erfinden, damit keine Pause einträte, und trotzdem die Zeit möglichst in die Länge zu ziehen. Noch hatte keines von ihnen einer einzigen Erinnerung vom Kuhstall oder vom Häuschen Erwähnung getan, sie waren gar nicht in ihre Nähe gekommen, und geflissentlich hatten sie vermieden, die Mutter zu erwähnen.
Nun fühlten sie beide, daß der Augenblick immer näher kam, wo sie das nicht länger vermeiden konnten. Langsam schlenderten sie das letzte Stück Heideland hinab, sie sprachen nun noch rascher, wie im Fieber, und lachten laut und gezwungen. Auf einmal hörte ihr Lachen, wie jählings abgeschnitten, auf — sie waren zu dem Fleck dicht hinter dem Kuhstall gekommen. Es wurde ganz still, und sie standen eine Weile; dann hoben sie die Köpfe, und ihre Augen begegneten sich; die sahen nicht so aus, als ob sie eben gelacht hätten — sie waren so merkwürdig groß und glänzend. So blieben sie eine Weile stehen. Da kam plötzlich der Klang einer Kuhschelle von Svehaugen her an ihr Ohr. Jakob schüttelte energisch den Kopf, als wollte er etwas von sich abschütteln und sagte ganz gleichgültig:
Ist das nicht die Svehaugenschelle, die wir da hören?
Sidsel antwortete so gleichgültig, wie sie vermochte: Ja, das ist sie, ich erkenne sie wieder.
Was die wohl für eine Stallkuh heuer auf Svehaugen haben?
Wir könnten ja hingehen und sehen, ob es — Bliros ist.
Das war das erste Mal seit dem Tode der Mutter, daß Sidsel laut den Namen der Bliros nannte; aber das war doch immerhin noch leichter, als den Namen der Mutter zu nennen.
Kurz darauf waren Sidsel und Jakob unterwegs nach Svehaugen, sie waren außen um den Kuhstall und das Wohnhaus von Schloß Guckaus gegangen — denn es hatte keinen Sinn, das schöne Gras niederzutreten, hatte Jakob gesagt. Und ganz richtig fanden sie wirklich Bliros am Gatter von Svehaugen stehen. Sie glaubten auch fest, daß die Kuh Sidsel wiedererkannte. Sie liebkosten sie und plauderten mit ihr und über sie und gaben ihr Waffeln und Plinsen; sie hatten das Gefühl, als müßten sie gewissermaßen wieder gut machen, daß sie nicht den Mut gehabt hatten, in das Haus von Schloß Guckaus mit seinen vielen teuern Erinnerungen hineinzugehen, und Jakob verstieg sich zuletzt dazu, daß er versprach, er wolle Bliros für Sidsel zurückkaufen, sobald er erwachsen wäre.
Da konnte Sidsel sich nicht länger halten, sie schlang ihre Arme um Bliros’ Hals, sah sie lange an und sagte: