Selbst Sennerin.
Es ist der erste Sonntag nach Ostern, am frühen Vormittag. Sidsel sitzt in der Gangkammer auf Hoël an ihrem kleinen Tisch, den einen Ellbogen auf den Tisch gestützt und die Hand unter dem Kinn, und starrt in ein großes schwarzes Buch, das aufgeschlagen vor ihr liegt, das neue Testament; sie bewegt langsam die Lippen und liest. Heute morgen ist sie nicht mit im Kuhstall gewesen — seit vielen Jahren das erste Mal — Kjersti Hoël hat gesagt, sie solle ein paar Stunden für sich allein sein; niemand darf sie stören.
Hier sitzt sie nun im langen, schwarzen Kleide mit einer weißen Halskrause, ein wenig steif und unbeholfen; das neue Kleid zwängt etwas, und sie drückt die Ellbogen dicht an und wagt kaum den Rücken zu beugen; es ist das erste Mal, daß sie ein richtiges langes Kleid anhat, früher trug sie bloß einen Rock und eine Jacke. Das lichte Haar ist glatt zurückgestrichen und im Nacken zu einem Knoten aufgesteckt; sie sieht heute auch etwas blasser aus als gewöhnlich, und die Lippen, die sich fortgesetzt bewegen, sind auffallend rot und feucht, aber ihre Augen blicken ruhig und klar; im ganzen ist sie wirklich hübsch, wie sie hier in ihrem Kämmerchen sitzt und darauf wartet, bis es Zeit zum Kirchgang ist. Heute soll sie konfirmiert werden.
Es klopft, und herein tritt Kjersti Hoël; auch sie ist im vollen Staat, im altmodischen schwarzen Kleid mit faltenreichem Leibchen, frischgeplätteter Faltenhaube auf dem Kopfe, und in der Hand trägt sie das große Gesangbuch — das mit dem großen Druck, das sie bloß an besonderen Feiertagen benutzt — und auf dem Buche das zusammengelegte Taschentuch.
Sie bleibt eine Weile stehen, betrachtet Sidsel mit ernsthafter Miene und sagt:
Fühlst du dich nun vorbereitet, Sidsel?
Sidsel antwortet bescheiden:
Ich glaube, ja.
Dann ist es wohl Zeit, daß wir gehen. Komm, ich will dir das Kopftuch knüpfen, damit du dir die Haare nicht einreißt.
Sie knüpft ihr das Kopftuch, sie gehen langsam hinaus und durch den Flur. Draußen vor der Tür steht der Wagen mit dem Soldatenpferd.