Setz dich neben mich, Sidsel.
Sie steigen ein und fahren von dannen; keines sagt unterwegs ein Wort. Während sie zum Hofe hinaus auf die Landstraße fahren, umgibt sie das Brausen des jungen Frühlings. Bäche und Flüsse rauschen an ihnen vorüber, Vögel singen und zwitschern zu Tausenden, Insekten summen, die sprossenden Bäume und Kräuter duften über das ganze Tal hinweg, und hoch oben am Himmel steht die Sonne und wirft ihr glitzerndes Licht auf die Erde nieder. Aber das alles macht heute nicht solchen Eindruck auf Sidsel wie sonst; es wirkt auf sie wie Geschrei und wüster Lärm, wie etwas Unharmonisches, das sie in Unbehagen erzittern läßt — unwillkürlich schmiegt sie sich im Wagen dichter an Kjersti an — sie hat einzig das Bedürfnis nach Stille. So fahren sie eine Weile.
Da schlägt es ihnen plötzlich wie eine mächtige, breite Woge entgegen und spült allen Lärm hinweg — es sind die Kirchenglocken, die nun so breit, ruhig und sicher einsetzen. Sie übertäuben zwar das Frühlingsbrausen nicht, aber sie nehmen es gewissermaßen in ihr Geläute auf, bringen förmlich Harmonie hinein, nehmen es als Begleitung, das Ganze wirkt wie Orgelbrausen zu Kirchengesang.
Da wird es ringsum auf einmal so friedlich und festlich, wie Sidsel es nie zuvor empfunden hat. Nun ist Feiertag auch in ihr, und alles um sie herum ist wie verwandelt, wird lichter, mächtiger, festlicher; sie fühlt sich unsäglich froh.
Von dem Augenblick an weiß sie nicht mehr recht, was um sie vorgeht.
Als sie zur Kirche kommt, erscheint ihr die Menge, die dort steht und wartet, so groß und so festtäglich, und ihr ist, als hätte sie nie bemerkt, daß die Kirche so hoch und so hell ist.
Wie sie in der Kirche durch den Mittelgang geht, fühlt sie sich so frank und so frei; auch hier ist es so wunderbar licht, und als sie zu ihren Mitkonfirmanden hinsieht, die zu beiden Seiten des Mittelgangs in langer Reihe mit gesenkten Köpfen stehen, kommt es ihr vor, als ob alle Gesichter förmlich strahlten.
Als der Pastor aus der Sakristei kommt, erscheint auch er ihr viel größer als sonst, und sein Gesicht ist mild, und als er anfängt zu sprechen, versteht oder hört sie eigentlich nicht, was er sagt, aber sie fühlt doch, es ist etwas Großes, Gutes, das sie rührt wie Musik.
Beim Gemeindegesang singt sie lauter als sonst; ihre Brust weitet sich unwillkürlich, und als sie abgefragt wird, weiß sie nicht, ob sie recht gehört hat, antwortet aber laut und unverzagt und ist dessen sicher, daß sie richtig antwortet; und als sie niederkniet und dem Pastor die Hand reicht, da ist ihr, als lächelten die steifen Altarbilder.
Ganz zu sich selbst kommt sie erst wieder, als die feierliche Handlung vorüber ist, und sie zu Kjersti Hoël in den Kirchenstuhl kommt.