Am Nachmittag sitzt Sidsel wieder allein in ihrer kleinen Gangkammer. Bär, der nun ganz erblindet ist, liegt draußen vor der Tür — die wenigen Male, die er aus der Küche, wo er jetzt meist im Winkel beim Herde liegt, herauskommt, wählte er diesen Platz an Stelle des früheren draußen auf der Steinplatte, dort gingen so viele aus und ein, und die waren so rücksichtslos und traten ihm immer auf die Pfoten; Sidsel dagegen ging immer vorsichtig um ihn herum.

Jetzt liest sie nicht in einem Buch; sie hat ihren alten Unterrock vor sich auf dem Bett ausgebreitet, den sie übrigens den letzten Winter nicht mehr getragen hat, und der nun so merkwürdig klein und geflickt aussieht.

Als sie heute nachmittag in ihr Kämmerchen gekommen war, wo die Abendsonne quer durch das kleine Fenster hereinschien und dieses auf der Bettdecke abzeichnete, da fühlte sie sich wunderbar ruhig und zufrieden; sie verspürte nicht die geringste Lust, sich niederzusetzen und an ernsthafte Dinge zu denken oder zu lesen; es schien ihr ganz natürlich, herumzubasteln und froh zu sein, ohne sich weiter Gedanken zu machen. Sie besaß keine Reichtümer auf dieser Welt, aber immerhin hatte sie ein kleines Kästchen, das sie im zweiten Dienstjahre geschenkt bekommen hatte, und in dem waren nicht bloß kleine Seitenfächer, sondern auch ein Fach im Deckel, und in dem Kästchen hatte sie das Wenige gesammelt, was sie besaß und was ihr des Aufbewahrens wert erschien. Nun holte sie es herbei und öffnete es; es war so unterhaltend, jedes einzelne kleine Ding herauszunehmen und dabei alten Erinnerungen nachzuhängen.

Hier lag ein altes, zerbrechliches Taschenmesser, dasselbe, das sie den ersten Sommer im Gebirge von Jon bekommen hatte, und da war ein Brief von ihm, den sie letzten Herbst erhalten und von dem niemand etwas wußte und in dem er sie fragte, ob er ihr und Jakob Fahrkarten nach Amerika schicken dürfe, wenn sie erst konfirmiert wäre. Sie hatte ihm noch nicht geantwortet, aber nun wollte sie es bald tun und ihm danken; denn sie wußte, sie würde niemals reisen. Und dort hatte sie die Ziegenhornpfeife, die sie von Peter bekommen hatte — sie bekam auf einmal unbändige Lust, sie wieder zu probieren, aber sie wagte es doch nicht, es hätte sich zu sonderbar angehört — und neben der Pfeife lag ein seidenes Halstuch, das ihr Jakob zu Weihnachten von ihm mitgebracht hatte; sie selbst hatte Peter seit jenem Tage oben im Gebirge im vergangenen Jahre weder gesprochen noch gesehen.

Und hier fand sie auch den Brief, den ihr Jakob geschrieben hatte, als sie sich oben auf Guckausschloß treffen wollten, den einzigen Brief, den sie von ihm erhalten; Jakob schrieb höchst ungern, aber dafür hatte sie auch ein paar andre Kleinigkeiten, die sie von ihm bekommen hatte.

Und ganz unten auf dem Boden lag ein Tuch, das sie bisher noch nie herausgenommen hatte; es war noch von der Mutter; heute getraute sie sich eigentlich zum ersten Male, richtig an ihre Mutter zu denken; sie nahm das Tuch heraus und breitete es auf dem Bette aus, und da gleichzeitig ihr Blick auf ihren alten, an der Wand hängenden Rock fiel, nahm sie den herunter und breitete ihn auch aus; darauf setzte sie sich und besah sich diese ärmlichen Sachen; nun konnte sie erst richtig an vergangene Zeiten zurückdenken, ohne von hoffnungslos traurigen Gedanken überwältigt zu werden, zurückdenken an alle die teuern Erinnerungen, die diese unansehnlichen Dinge für sie bargen, besonders an die aus der Zeit von Schloß Guckaus. So blieb sie lange in Gedanken versunken sitzen; sie begann von Anfang an, soweit ihre Erinnerung zurückreichte, und ging vorwärts bis zum heutigen Tage, die Erinnerungen kamen wie von selbst und in bestimmter Reihenfolge, und alle waren gleichsam nur liebe, gute Erinnerungen, alles Schlimme war wie verschwunden oder erschien ihr nun in einem milderen, freundlicheren Lichte.

Plötzlich klopfte es an die Tür, und ehe sie noch Zeit gehabt hatte, alle ihre Siebensachen wegzuräumen oder nur ihre Gedanken soweit zu sammeln, um aufzustehen, kam Kjersti Hoël herein.

Sidsel sah, daß Kjersti gleich die Sachen bemerkt hatte, wurde aber doch nicht verlegen, denn Kjersti sagte lächelnd:

Ich sehe, du sitzt hier und denkst an deine Mutter, Sidsel, und das ist recht von dir. Nun komm aber mit in meine Kammer. Ich möchte etwas mit dir besprechen.

Sidsel wurde auf einmal ganz verwirrt, in so ernstem Ton hatte Kjersti noch nie zu ihr gesprochen. Sie stand still auf und ging mit.