Da es noch mit aller Gewalt vom Himmel heruntergoß, nahm das Fräulein ihren Schirm wieder vor und versuchte ihn in die richtige Verfassung zu bringen. Es gelang ihr aber nicht und ich hielt dies für einen Wink des Schicksals, ein Gespräch anzuknüpfen. Mit abgezogenem Hut trat ich bescheiden vor und bot meine Hülfe an, die auch freundlich angenommen wurde.

Daß es mir nicht gelang, den Schirm zurechtzubringen, versteht sich von selbst. Sanfter Ueberredung wollte er nicht weichen, ich wendete alle Gewalt an, der Tückische aber verstand keinen Spaß, sondern brach gelassen mitten durch. Das Fräulein sah erschrocken aus, aber nicht zornig — durchaus nicht zornig, was ich mir mit richtiger Menschenkenntniß als einen Beweis liebenswürdigen Temperaments auslegte. Ich stand da wie ein armer Sünder, stammelte ein paar Entschuldigungen und bat endlich um die Erlaubniß, meinen Schirm als Ersatz anbieten zu dürfen, wozu mich noch die egoistische Hoffnung stachelte, ich würde durch Rückgabe des von mir zerbrochenen Individuums einen Vorwand haben, um in die Burg zu dringen, die von der blondzöpfigen Prinzessin bewohnt war. An Abreise dachte ich schon nicht mehr, wie Sie sehen. Aber es kam anders!

„Ich danke sehr, mein Herr,“ sagte das junge Mädchen freundlich, „ich kann Sie Ihres Schirmes nicht berauben. Wollen Sie mir aber eine Droschke besorgen, damit ich meinen Weg fortsetzen kann, so nehme ich es dankbar an!“

Nun, das that ich natürlich und hatte die Genugthuung, daß ein sehr liebenswürdiges „Danke“ mich belohnte, dann, während ich, den Hut in der Hand, wie ein Lakai mich am Schlage aufstellte, rief die junge Dame zum Kutscher hinauf: „Nach der Zeitungsexpedition!“ Der Schlag fiel zu — und da stand ich.

Nach der Zeitungsexpedition! Was thut eine junge Dame in der Zeitungsexpedition? Allerlei finstere Gedanken bestürmten mich — sie wird doch nicht einen Brief abholen, von dem der Papa nichts wissen soll? Erst Thränen, dann Zeitungsexpedition — verdächtige Zusammenstellung!

„Dahinter muß ich kommen,“ rief ich so zornig, als wäre ich der Beichtvater der kleinen Dame.

Eine Idee fuhr blitzschnell durch meinen Kopf! Ich mußte einen Vorwand haben, auch nach der Expedition zu gehen. Sollte ich nach Briefen fragen? Nein, das war mit einem „Nichts für Sie!“ zu schnell abgemacht. Also ich mußte etwas annonciren! Gedacht, gethan, ein Blatt aus der Brieftasche gerissen und im Stehen geschrieben wie folgt: „Ein kleiner, schwarzer Affenpinscher mit hellblauseidenem Halsband, auf den Namen Nap hörend, hat sich verlaufen. Der ehrliche Finder wird gebeten, denselben gegen eine angemessene Belohnung im Hotel zum grünen Falken, Zimmer Nr. 10, abzugeben.“ Meine Adresse fügte ich bei, damit die Sache an Wahrscheinlichkeit gewönne und die junge Dame nicht glaubte, ich wollte sie nur unter einem Vorwand wiedersehen.

Nun denken Sie — der arme Nap! Er mußte noch herhalten, mußte sich angeblich verlaufen haben, um seinen Herrn auf den richtigen Weg zu bringen! Einige Kreuz- und Querfragen führten mich rasch nach der Expedition des Blattes, welches, wie ich hörte, das einzige für den ganzen Kreis, daher mit Inseraten stets sehr überhäuft war.

Auch heute fand sich in dem Local eine bedeutende Menschenmenge vor, welche fast bis an die Thür hin sich drängte und nur langsam zum Schalter avancirte. So sah ich denn auch meine Unbekannte gleich am Eingang stehen, ihr Zettelchen in der Hand wartete sie geduldig auf den Augenblick der Beförderung.

Als ich sie mit ehrerbietiger Verbeugung begrüßte, dabei etwas von „glücklichem Zufall“ murmelte, sah sie mich überrascht an, erröthete und ein leichtes Zucken ihrer Augenbrauen verrieth, daß sie diese zweite Begegnung für keine zufällige hielt. Auf meine Bemerkung erwiderte sie kein Wort, sondern sah mit einer schnellen Kopfwendung nach der andern Seite hin. Ich that, als bemerkte ich es gar nicht.