Auch hier war es so. Ich hätte mich eigentlich recht gut langweilen können, aber da lag gerade dem Gasthause gegenüber ein ganz allerliebstes Haus, das immer etwas zu sehen oder zu hören gab. Ich konnte freilich nur die Seitenfront des freundlichen Gebäudes beobachten, denn die Vorderzimmer gingen nach einem schönen, großen Garten hinaus, dessen Lavendelduft, selbst durch den Regen nicht ertränkt, Abends zu mir herüber geflogen kam.
An diesen Seitenfenstern nun saß öfters eine junge Dame und nähte. Ihr Gesicht konnte ich nicht sehen, sie bückte sich immer sehr tief auf die Arbeit; ich sah nur ein Stückchen Wange, zuweilen flüchtig die Umrisse eines zierlichen Profils, und ein Nest dunkelblonder Zöpfe um einen seltsam geformten weißen Kamm geschlungen.
Da es nun schon den zweiten Tag regnete, hatte ich volle Muße, diese Beobachtungen anzustellen. Freundlicherweise hatte das Haus seinen Eingang auch auf der Seite. Gegen Abend kam ein dicker, stattlicher Herr nach Hause, dessen Kopf ich auch noch nie zu Gesicht bekommen hatte, denn er hielt immer einen großen, wohlhabend aussehenden Schirm über sich, den er erst zumachte, wenn seine behäbige Person schon innerhalb der Hausthür war. Und dann zur Thür hinaus schüttelte und spritzte er diesen Schirm aus, als wenn die Straße noch nicht naß genug wäre.
Ich hätte ja durch eine Frage leicht etwas über mein vis-à-vis erfahren können, aber ich wollte es nicht — es war so sehr ergötzlich, mir meine Schlüsse aus Dem zu ziehen, was ich sah.
Der Hausherr war entschieden kein Arzt, dazu kam er zu regelmäßig nach Hause, sondern Beamter, ein Mann mit Bureaustunden. Die junge Dame am Fenster war seine Tochter und zwar sein Liebling, denn er begab sich stets geraden Weges zu ihr in’s Zimmer. Dann stand sie sofort auf, legte die Arbeit zusammen und ging mit ihm hinaus. Eine dritte Person, die ich häufig ausgehen und wiederkommen sah, eine Dame in mittleren Jahren, mußte die Gesellschafterin sein, nicht die Frau vom Hause, denn wenn sie dem Vater begegnete, machte sie einen Knix.
Am Nachmittag des dritten Tages schien der Himmel ein ganz klein wenig lichter zu werden, ich trat an’s Fenster und, wie mir schon zur Gewohnheit geworden war, blickte ich nach dem Hause gegenüber. Da saß die junge Dame — dies Mal ohne Näharbeit — ich hätte ihr Gesicht gewiß ganz gut sehen können, aber sie hielt ein Tuch vor die Augen — sie weinte!
Ich blieb erstaunt stehen. Warum mochte sie weinen? Sie werden mir zugeben, daß ein junges Mädchen mit so schönen blonden Zöpfen, die von ihrem Papa verzogen wird und — weint, ein Fall ist, über den man nachdenklich werden kann.
Nach einer Weile trocknete sich mein Gegenüber die Augen, schrieb einige Worte auf einen kleinen Zettel, stand auf und verließ das Fenster. Wenige Minuten darauf öffnete sich die Hausthür, sie trat heraus, einen Regenschirm in der Hand, in Hut und Mantel und blickte nach dem Himmel. Ein reizendes Gesicht war es, das muß ich schon sagen!
Warum ich meinen Paletot ergriff und die Treppe hinunterging, weiß ich nicht zu sagen, aber ich that es und folgte der jungen Dame in respectvoller Entfernung, auch mit dem Regenschirm bewaffnet.
Ein plötzlicher, heftiger Windstoß faßte den Schirm meiner Schönen und drehte ihn von innen nach außen, er machte, wie man zu sagen pflegt, eine Tulpe daraus. Im selben Moment stürzte der Regen mit verdoppelter Gewalt hernieder und das Mädchen, nach einem vergeblichen Versuch, den treulosen Beschützer wieder in seine alte Form zu bringen, verdoppelte ihre Schritte und eilte in einen geräumigen Hausflur, von wo sie in das tobende Wetter hinaussah. Ich dachte: Das kann Jeder! und nicht faul, betrat ich denselben Hausflur, zog den Hut und postirte mich der jungen Dame gegenüber an die Wand. Nach einer kleinen Weile trat sie an die Hausthür, zog den rechten Handschuh ab und streckte die Hand hinaus, um zu fühlen, ob der Regen noch nicht nachgelassen habe. „Kein Trauring!“ dachte ich erfreut, ohne eigentlich zu wissen, warum es mich freute.